Erster Eindruck:
Der ethnologisch-archäologische Teil meines Herzens sorgt für eine Erhöhung der Schlagfrequenz. Die Talayots trieben als prähistorische Kultur auf den Balearen ihr Unwesen, indem sie uns bspw. Talayots, nämlich Beobachtungs- und Wachtürme hinterließen. Auf dem Etikett des Bieres erkennt man die hinkelsteinartigen Felsstücke, aus denen die Talayotiker Talayots mauerten. Meine Hoffnung beim Genuss des Bieres zielt auf das kennenlernen des Ur-Mallorquinen Bieres.

Das sagt der Geschmack:
Er sagt Bitterorange, Erde und Hefe. Das sind seine exakten Worte. Außerdem nehme ich Kastanie wahr, die mich gedanklich ein paar Kilometer auf dem Mittelmeer gen Osten schiebt, denn auf Korsika trank ich ein Kastanienbier, das in Punkto Komplexität mit dem hier getesteten leicht dreckig aber dennoch irgendwie schön aussehenden Amber Ale nicht konkurrieren kann. Der Fruchtigkeit wird Malzsüße entgegengesetzt und würde mich eine deutliche Überkarbonisierung nicht zum rumstehen lassen zwingen, gäbe ich diesem Ale eine dicken fetten grünen Haken.

Wenn Du abschweifst…
…rufst Du Doc an, ob der DeLorean noch in der Garage steht. Du planst eine Zeitreise, auf dem Beifahrersitz transportierst Du einen Sechserträger Talaiotika. Du kannst die Karre habe, jettest 2500 Jahre zurück, dafür aber an den gleichen Ort, wo Du eh jedes Jahr Urlaub machst: Malle. Jetzt hälst Du die Jungs ab, ihre Türmchen zu schichten, um mit Ihnen ein Drink zu nehmen. Du merkst, ihr spontanvergorener Trunk ähnelt tatsächlich dem Inhalt der Flaschen, die Du in dem Delikatessenladen in Palma ergattert hast. Du fragst Dich, ob das wohl reinheitsgebotskonform ist, auch wenn das Jahr 1516 noch 2000 Jahre in der Zukunft liegt.
Talaiotika Terrosa

Talaiotika Terrosa

Ähnlich wie debelloculinario lebt Jenny Acosta ihre Schwäche für Sprache im Internet aus. Ihre sprachlichen Volten wenden Worte zu kleinen und feinen, verschmerzbar simplen, neuen Bedeutungen. Anders als bei debelloculinario hilft Jenny ihr Talent bei der Bebilderung der kleinen Wortspiele, die die sprachliche Referenz in klar erkennbare, saftige Rote Bete, frisches Brot oder einen lecker kräutrigen Tee transformiert.

Das klingt sperriger als es ist, wie der geneigte Leser schon bemerkt hat, wenn er das Lesen des letzten Absatzes aufgegeben hat, um einen Blick auf die Arbeiten der Guten zu werfen. Wasserfarbenartig aber weniger schmierig kommen die kleinen Sketches daher, die eine gewisse Flüchtigkeit unterstellen lassen. Flüchtig heißt hier aber nicht dahingerotzt, sondern leichtfüßig, könnerhaft aufs digitale (?) Papier gepinnt.

Gepinnt sei hier auch der Link zur Jenny Seite, auf der sich mehr dieser netten, unverhängnisvollen Design Pieces für Eure Klicks bereit halten.

We're a matcha made in heaven

© by Jenny Acosta

My heart beets for you

© by Jenny Acosta

I loaf you

© by Jenny Acosta

Schimären aus verworrenen, hungrigen Träumen präsentiert uns Aleksandra Kingo. Pink gepinselte Bananen pellen sich aus der Schale, statt Mayo-Ketchup Schranke thront König Zahnpasta als Topping auf dem Hot Dog und die Erdbeere präsentiert sich in der Anti-Essen Farbe blau.

Ein wenig Ratlosigkeit verbreitet sich natürlich beim Betrachter, doch aufgrund der minimalistischen Komposition – man beschränkt sich aufs Wesentliche – können die ganz großen nervlichen Zusammenbrüche vermieden werden. Bei der nahezu pornographisch-grellen Ausleuchtung der am Sättigungslimit stehenden Farben dürfte sich jedoch bei dem einen oder anderen Erythrophobie ausbreiten.

Erröten hin oder her- wenn man so viele Worte zu einem Internet Zufallsfund finden kann, ist das schon eine Verlinkung wert. In diesem Falle führt sie direkt zur Künstlerin, die Massenhaft weitere tolle Arbeiten bereithält. Give it up for Aleksandra Kingo.

Pinke Banane

© by Aleksandra Kingo

Hot Dog mit Zahnpasta

© by Aleksandra Kingo

Blaue Erdbeere

© by Aleksandra Kingo

Erster Eindruck:
Kein starker Geruch, kein starker Geschmack – das passt zu der von der Vermarktung in den Vordergrund gestellten (vermeintlichen) Herkunft des Bieres. Denn so blass wie der erste Eindruck von Grönland sein mag, so ist auch der „seines“ Bieres.

Das sagt der Geschmack:
Ich will nicht sagen, dass dieses Bier nach Wurst schmeckt. Nein, wahrscheinlich versteckt sich nur eine leichte Malznote hinter der Zurückhaltung, die versucht jegliche Garstigkeit abzuwenden. Weder die Leichtigkeit, noch der leicht trockene Nachgeschmack oder die schaumfreie Krone deuten darauf hin. Aber trinkt einen Schluck und denkt an eine original Mailänder Salami… Na?

Wenn Du abschweifst…
…träumst Du Dich in getrocknetes Heu in der Sommersonne und leichtes, kaum wahrnehmbares Knistern. Das kontrastiert mit der kargen, rohen, kalten Grönland-Landschaft auf der Flasche. Plötzlich erwachst Du und stellst fest: Alles nur ein Traum, das Bier wird tatsächlich ganz woanders gebraut.

Grønland Ice Cap Amber Lager

Erster Eindruck:
Charakterstark, ausdifferenziert, balanciert.
Das sagt der Geschmack:
Orientalische Gewürze und Kräuter liegen in der Nase. Die Angst, dass die 7,2% in bester Dampfhammermanier alles plattwalzen, bleibt unbegründet. Die einzelnen Komponenten wirken stimmig in ihrer Kombination und gehen leicht und schnell die Kehle runter. Danach bleibt ein traubig-trockener Nachhall. Ist die Flasche leer, beginnt man auch an die 7,2% zu glauben.
Wenn Du abschweifst…
…sitzt Du in Deinem kleinen Hobbithaus und trinkst aus metallernen Kelchen. Das Wetter ist sehr gut, aber nicht zu heiß. Dadurch hältst Du es auch in Deinem Wohnzimmer gut aus, in dem die Decke nur 1,2m hoch ist. Obwohl Dich eine dunkle Ahnung von Sauron umtreibt, genießt Du den Augenblick: Life is good.
Torpedo
Becks 1873 Pils

Becks 1873 Pils

Erster Eindruck:
Positiv geprimt. Denn nach der Arbeit husche ich in den Plattenladen, um mir das neue Blur Album auf Vinyl zu sichern. Ich denke, ich bin spät dran, denn die Kritiken sind gut und das bedeutet „ausverkauft“-Gefahr. Ist es ausverkauft hat man die Wahl des dreifachen Preises auf Ebay oder des Schmachtens. Ich sehe es, trage es zur Kasse und bringe die Transaktion zügig über die Bühne. Ob ich Bier trinke, fragt mich der Händler, den ich eigentlich nicht mag, weil er mich in der Vergangenheit abkanzelte, weil ich 35€ für einen zu hohen Preis für eine Schallplatte hielt („Kannst ja gucken, wo de das billiger krichst“). Ich antworte überrascht verzeihend „Ja, aber ich muss nach Hause…Frau und Kind warten…“. Er reicht mir den Dreierträger von Beck’s neuer Craftserie über die Theke und ich freue mich doppelt: Vinyl und Bier, das wohl (fast) Beste, was man für Geld kaufen/geschenkt bekommen kann.

So ist es:
Hier hört der Spaß jetzt leider auf. Die Überschrift ist auch falsch. Ich könnte mehr darüber schreiben, was dieses Bier nicht ist, als was es ist. Bevor der Zorn nun aber aus mir herauspustet, wie Luft aus einer prall aufgepumpten Luftmatratze, aus der man den Stöpsel zieht, eins nach dem anderen. Die Farbe deutet darauf hin, dass bei dem Pils, bei dem man dem Originalrezept zu gedenken versuchte, nichtmals Pilsner Malz verwendet wurde. Kleinkariert sagst Du? Ok. Der Geruch. Was ich am Beck’s Pils immer witzig fand war, dass wenn man an der Flasche roch, nachdem man sie öffnete, es ein wenig nach Gras, also Marihuana roch. Hopfen und Marihuana stammen wohl aus der gleichen Pflanzenfamilie, so die Erklärung. Egal, das ist bei diesem Bier nicht der Fall. Dafür teilt es mit dem weltbekannten Fernsehpils jedoch den dünnen Geschmack. Hat aber, trotz der gerade mal 6 Volumenprozent einen ordentlich sprittigen Beigeschmack. Der bleibt sogar noch ein wenig nach dem Herunterschlucken im Mund, als habe man sich ein paar Tropfen Vodka auf die Zunge geträufelt. Während bspw. Bitburger für seine Craft Biere einen neuen Namen fand („Craftwerk“), um sich das eigene Image nicht zu zerschießen und sie so spannende, leckere, fair bepreiste Crafts produzieren konnten, wählte Becks den gleichen Namen und traute sich nicht so recht, experimentell zu werden.

Wenn Du abschweifst..
..sitzt Du mit Josef Groll, dem Vater des Pilsner Braustils, in Pilsen, bei Pilsener Urquell. Du reichst ihm ein Glas „Beck’s 1873 Pils“ und er ist skeptisch. Er probiert es und befiehlt, Beck’s möge doch zunächst an dem obergärigen Brauverfahren probieren, bevor sie sich an dem neuen untergärigen Brauverfahren versündigen. Als er über Farbe, Aroma und Geschmack doziert, machst Du Dich aus dem Staub.
Things money can(not) buy.

Things money can(not) buy.

Ich gebe zu, sperriger kann man Überschriften kaum formulieren. Wenn dann auch noch die darauffolgenden Zeilen nicht zünden, sitzt man in der Patsche. Ich versuche also, das Ruder auf meine Seite zu reißen.

In den USA sind Überraschungseier verboten. Dem ist so, weil ein Gesetz Lebensmittel verbietet, die nicht essbare Bestandteile einschließen. Zuwiderhandlung? 2.500 Dollar. Da klingelt die Staatskasse und der Kopf, wenn einem am Zoll die witzigen, typisch deutschen, ähh, italienischen Mitbringsel für die Kinder abgenommen werden.

Nun schreit auch der US-amerikanische Markt nach Spannung, Spiel und Zucker und hier schicken sich die Frühstückscerealienboxen an, um auszuhelfen. Quietschebunt mit den Gesichtern der beliebtesten Figuren aus Film und Fernsehen gelabelt stechen sie ins Auge und versprechen, versetzt mit etwas Milch, Gaumenfreuden ganz nach Kindergeschmack.

Mein Spotlight richtet sich heute auf Jim Bachor. Er muss die Ergebnisse der Lebensmittelindustrie genauso erstaunlich gefunden haben wie ich, ansonsten hätte er die Milchtreiblingsboxen wohl kaum zu dem Gegenstand seiner Arbeiten gemacht haben. Doch Jim Bachor geht einen Schritt, bzw. eher einen Gewaltmarsch weiter. Er mosaiziert die von antiken pompejianischen Fundstücken und frischen Lebensmitteln umgebenen Produkte nach. Das ist etwas schwerer zu verdauen, als ein paar gepoppte Reiskörner auf Kuhmilch. Ob wilder Stilmix, Rätsel in Stein oder geniale Auseinandersetzung mit pop-kulturellem Essen: eine Alternative für ein Ü-Ei oder für eine misslungene Überschrift hat Jim allemal.

Frühstückscerealien im Mosaik by Jim Bachor

© by Jim Bachor

Frühstückscerealien im Mosaik by Jim Bachor

© by Jim Bachor

Frühstückscerealien im Mosaik by Jim Bachor

© by Jim Bachor

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