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Unsortierte Gedankenfragmente

Die meisten Kochbücher, Foodblogs und TV-Shows mit (Star-)köchen nutzen Rezepte als inhaltlichen Dreh- und Angelpunkt. Zwar ist man sich nicht immer einig, wie akribisch die Einhaltung der Anweisungen bezüglich der technischen Umsetzung erfolgen muss, inwieweit Ingredienzen weggelassen oder ersetzt werden können oder wie genau die Mindest- bzw. Maximallänge einer Zutatenliste aussehen darf. Dennoch scheint jeder der Meinung zu sein, dass man an Rezepten nicht herumkommt. Mein Chef würde hier vermutlich vom Rezept als archimedischen Punkt im Rahmen der formalen Gestaltung von Content in Food-Medien sprechen!

Tamar Adler stellt in ihrem Artikel „The Recipe is not always the Place to begin“ die Frage, ob diese Omnipräsenz des Rezepts immer so sinnvoll ist. Denn wer für jede selbstgekochte Mahlzeit neu einkauft, hat bald ein Problem mit verwelkenden Frischkräutern,  gammeligem Obst und Gemüse und begrenzt haltbaren Resten von nicht aufgegessenem Essen. In ihren Kursen animiert Tamar Adler deshalb zu Mut, Kreativität und Kulinarischer Intelligenz, bspw. beim Herstellen einer Reste-Tapenade mit u.a. Knoblauch und Kapern:

„proportions don’t really matter as long as you keep in mind that you’re combining a few strong, savory ingredients and pounded up garlic to make a bold sauce, which means tasting it often as you go, and being conservative with capers to ensure it’s never too salty.“

Ich glaube am besten ist eine Mischung aus den folgenden vier Varianten:

1.) Striktes an das Rezept halten – Neues (kennen)lernen
2.) Rezept als Leitfaden nutzen – Inspiration, abfedern von zu viel Aufwand
3.) Improvisieren – Mit dem was gerade da ist, leckeres hervorzaubern

und last but definitely not least:

4.) Abrufen von Standards – gekonnte Gerichte schnell auf den Tisch bringen

So kann man dazulernen, sich inspirieren lassen, verstrickt sich dabei nicht zu tief in das ausfindig machen von Rezepten und am besten: man hat immer was Leckeres auf dem Teller.

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Bemerkenswert fand ich, dass sie bis zu 5 Mahlzeiten pro Tag essen müssen. Ich habe da den cholerischen Chefredakteur einer Zeitschrift vor Augen, der mit Motivationsstützen à la „bis heute Abend liegen hier 5 Kritiken auf dem Tisch oder du bist nächsten Monat nicht mehr dabei“ glänzt. Ob der panische Tester dann aber unter Druck losrennt und sich eine Mahlzeit nach der nächsten reinschiebt, damit er liefern kann, wage ich doch zu bezweifeln. 

Nachvollziehbarer finde ich den Punkt „gönnen können“: 

Jeder glaubt doch zu wissen, was gutes von schlechtem Essen unterscheidet. Falls man den Tester-Job bekommt, sagen viele „kann ich auch/hätte ich besser gekonnt!“. Ich muss dabei an Leute denken, die vor abstrakter zeitgenössischer Kunst stehen und sagen „kann ich auch/hätte ich besser gekonnt“. Die Gründe für die Fehleinschätzung sind in beiden Fällen die gleichen: Überschätzung der eigenen Fähigkeiten und Neid.
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