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Kochbuchbesprechung

Frontansicht "In der Küche mit Alain Passard"

Frontansicht „In der Küche mit Alain Passard“ von Christophe Blain

Hard Facts:
– ca. 15 Rezepte, durchgängig gezeichnet
– 96 Seiten, Hardcover
– Erschienen 2013 im Reprodukt Verlag
– Bezugsquellen: Unterstützt den Buchhändler in Eurer Nachbarschaft!

Hintergrund:
Als ich etwa 13 war, sammelte ich exzessiv Bildchen von Basketballspielern. Immer wenn ich ein paar Mark in der Tasche hatte, fuhr ich nach Köln, um in abgefahrenen kleinen Lädchen die Sammelkarten zu teils absurden Preisen abzugreifen. Dort gab es eine Menge anderen nerdigen Krimskrams, den größten Platz in den Läden nahmen jedoch mit Comics gefüllte Holzkisten ein. Ich interessierte mich damals nicht sonderlich dafür, war aber verblüfft von der Vielfalt an Heften. Mir wurde klar: Eine treffendere Metapher als „die Spitze des Eisbergs“, lässt sich für die schlechte, kleine Auswahl an Comics in (Bahnhofs)kiosken nicht finden.

Irgendwann geriet die Johnny Cash „Walk the Line“-Biographie als Comic in meine Hände. Erstmalig konnte ich die Begeisterung nachvollziehen: Anders als ein Buch, anders als ein Film, anders als ein Cartoon transportiert das Comic seinen Inhalt. Subtile Zwischentöne und Konnotationen kommen durch die grafische Darstellung zum Ausdruck, gleichzeitig wirkt das geschriebene Wort. Auch „In der Küche von Alain Passard“ profitiert genau von diesem Effekt.

Gestaltung:
Natürlich passt zu der Arbeitsdokumentation des Dreisternekochs Alain Passard keine flattrige Mickeymouse Heft Haptik. Deswegen umschließt die festen Seiten ein solides Hardcover. Die Zeichnungen verteilen sich wild über die Seiten, was jedoch der hektischen, für Außenstehende tumultig wirkenden Atmosphäre in der Küche Rechnung trägt. Zwischen den illustrierten Seiten räumen immer wieder einfarbige, streng gesetzte Seiten auf. Insgesamt eine angenehme Kombination aus straightem Layout und geregeltem Chaos.

Aufbau:
Mit dem nervösen Gang des Zeichners Christophe Blain ins Restaurant L’Arpège beginnt das Buch. Durch seinen Außenseiterblick erleben wir die immer auf wenige Seiten verdichteten Storys. Zweimal begleitet man den Zeichner bei Besuchen in den restauranteigenen Gärten, dann beim zurückhaltenden Zuschauen in der Küche und schließlich, wie er der Entstehung der Gerichte alleine mit dem Meisterkoch beiwohnt. Durch seine Rolle wird die anfängliche Zurückhaltung und dann immer weiter fortschreitende Begeisterung für Passards Tun nachvollziehbar und überträgt sich auf den Leser. So baut sich über die gesamte Lektüre mit ihren immer wieder zwischengeschalteten Rezepten Spannung auf.

Rezepte:
Einfache Konstruktionen wie Erbsen mit Pampelmuse und frischer Minze, Kartoffelpfannekuchen sowie Ananas mit Olivenöl, Honig und Zitrone werden anhand eines ausführlichen Texts beschrieben und erklärt. Vollends erschließen sich die Gerichte erst durch die Comicstrips, die die Begeisterung und den Respekt herausarbeiten, mit denen Passard seinen Zutaten begegnet. Durch Überspitzung schwingt immer eine Komik  mit, Christophe Blain begegnet Alain Passard trotzdem stets mit Respekt. Die Rezepte sind clever ausgesucht, in ihrer Einfachheit genial, dabei niemals banal.
Alain Passard huldigt Weißkohl

Alain Passard huldigt Weißkohl

Nachkochbarkeit:
Auch mit der üblichen Küchenausstattung lassen sich die Gerichte reproduzieren und die Fingerfertigkeit eines durchschnittlichen Hobbykochs reichen aus. Hin und wieder wirds ambitionierter, beispielsweise wenn Passard Eier mit der Rasierklinge bearbeiten lässt oder ein Dragée von der Taube bastelt.

Die richtigen Zutaten zu besorgen gestaltet sich da schon schwieriger. Klar, Möhren treibt jeder auf. Passard probiert allerdings drei verschiedene Böden aus, um herauszufinden, in welchem die aromatischsten, knackigsten, schönsten Möhren wachsen. Für nicht geschulte Esser sind das Geschmacksnuancen, aber bei reduzierten Kompositionen fallen auch kleine Unterschiede ins Gewicht.

Abschließendes Urteil:
Den großen Wert von „In der Küche mit Alain Passard“ findest Du auf verschiedenen Ebenen. Da ist der Witz, der durch den außenstehenden Blick auf einen hochbegabten Food-Verrückten entsteht. Da ist der tiefe Einblick in das Tun des Arpège, inkl. Mitgliederbefragung und Tokyo-Reisevorbesprechung. Da ist das Wissen, was sich in den herrlich pointiert dargestellten Ideenfindungsprozessen findet. Da ist der praktische Nutzwert für ambitioniertere Hobbyköche. Und, vielleicht am wichtigsten: da ist der Beweis, was mit Comics alles möglich ist.
In der Küche mit Alain Passard aufgeschlagen

In der Küche mit Alain Passard aufgeschlagen

Wichtig: Der Band wurde mir vom Verlag freundlicherweise kostenlos zur Verfügung gestellt. Debello Leser wissen aber, dass das keine Auswirkung auf mein Urteil nahm.
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Jürgen Dollase "Geschmacksschule" in der Frontalansicht

Jürgen Dollase „Geschmacksschule“ in der Frontalansicht

Hard Facts:
– ca. 60 Rezepte, durchgängig bebildert
– 200 Seiten, Hardcover
– Erschienen 2005 im Tre Torri Verlag
– Bezugsquellen: Unterstützt den Buchhändler in Eurer Nachbarschaft!

Hintergrund:
Vor ein paar Jahren machte ein Video im Internet die Runde, in dem ein kauzig-unterhaltsamer Gastrokritiker einen 6-minütigen Rant über die Erbärmlichkeit von McDonald’s Hamburger zum Besten gab. Der kauzige Gastrokritiker heißt Jürgen Dollase und rantet nicht nur gegen Billig-Boulettenbrötchen sondern auch in großartiger Manier gegen Fernsehköche und deren Kochbücher. Damit auch wir begründen können, warum manche Gerichte kulinarische Fehlkonstruktionen sind und andere gelungen, hat Dollase ein Buch geschrieben. Es heißt „Geschmacksschule“.

Gestaltung:
Hardcover, schweres, griffiges Papier, Übersichtlichkeit trotz vieler Abbildungen und Geschmackswahrnehmungsdiagramme – so wird’s gemacht. Ein Leseband hilft Euch, schnell an die letzte Unterrichtsstunde anzuknüpfen. Alle Seiten haben einen beigen Hintergrund, weiß wird zur Akzentuierung verwendet.

Aufbau:
Zunächst appelliert Dollase an einen bewussten Genuss von Essen, bei dem man über das, was gerade im Mund passiert nachdenkt – ähnlich wie bei einer Weinprobe. Als Beispiel führt er dann wieder seinen Lieblingsversager der Kulinarik heran – den McDonald’s Burger. Ihm stellt er auf zwei Seiten Möglichkeiten der Verkostung eines kulinarisch anspruchvolleren Tellers gegenüber.

Alle die bis hierhin den Zweck der Veranstaltung verstanden haben, müssen nicht sitzenbleiben und wiederholen sondern werden ins Kapitel mit Basiswissen versetzt. Die zur Degustation relevanten Merkmale Aroma, Textur und Temperatur erklärt der Autor an dieser Stelle leicht verständlich.

Anschließend schult Dollase seine Eleven im Bereich Sinneswahrnehmung. Hierzu müssen verschiedene Lebensmittel auf einem Löffel arrangiert und verkostet werden. Bei der Analyse versucht der Degustierende alle Eindrücke im Mund einzufangen, und zwar unter Berücksichtigung der drei oben genannten Merkmale. Um diese Vorgänge zu beschreiben, verwendet der Autor eine interessante Darstellung im Koordinatensystem. Auf der y-Achse befindet sich die Wahrnehmungsintensität, also wie stark man etwas wahrnimmt. Auf der X-Achse die Zeit, wie lange eine Wahrnehmung andauert. Je Geschmackskomponente wird eine Linie verwendet, sodass man für jeden Happen die Vorgänge nachzeichnen kann.

Anhand zahlreicher Beispiellöffel können nun die eigenen Degustierfähigkeiten erprobt werden.

Degustationsnotizen zu Löffelgerichten

Degustationsnotizen zu Löffelgerichten

Rezepte:
Formal sauber aufgebaut mit Zutatenliste, Anleitung und Bild präsentieren sich die Rezepte. Sie stammen größtenteils aus dem Bereich der einfachen bis etwas ambitionierteren kontinentaleuropäischen Küche. Gerne variierte und neuinterpretierte Klassiker, wie bspw. die „dekonstruierte Erbsensuppe“ verlocken zum Nachkochen, selbst wenn Ihr kein Degustationsprotokoll plant. Aus dem Rahmen fallen die Meisterlöffel, für deren Autorschaft Harald Wohlfahrt, Thomas Bühner oder auch Joachim Wissler gewonnen werden konnten.

Interessant ist die Ausrichtung auf den Löffel. So finden sich in der Zutatenliste Hinweise wie „Je Löffel ein Eigelb“, das Anrichten bezieht sich auf einen Löffel, und das Bild zeigt – konsequenterweise – den befüllten Löffel.

Zum Lesen regt der große Rezeptteil vor allem an, wenn man versucht, die je Löffelgericht angegebenen Geschmackskurven und Degustationsnotizen nachzuvollziehen.  Eurer Karriere als Restaurantkritiker nach Dollase’schem Leitbild steht bei Erfolg nichts im Wege, außer ihr habt bereits am Herd gepatzt.

Nachkochbarkeit:
Absolut gegeben. Teilweise erfordert die Zubereitung und vor allem das Anrichten etwas Geschick, lässt sich aber auch für Hobbyköche bewerkstelligen. Gerade bei den ersten Löffeln auf dem Niveau „Bratwurst mit Ketchup-Creme Fraiche-Gemisch“ gelingt alles problemlos. Anders sieht es da schon bei den Meisterlöffeln aus. Diese Rezepte erfordern zwar etwas mehr Sorgfalt, lassen sich aber immernoch zu Hause reproduzieren.

Degustationsnotizen zu Löffelgerichten

Degustationsnotizen zu Löffelgerichten

Abschließendes Urteil:
Wer auf die Frage, wie etwas schmeckt nicht nur „gut“ bzw. „schlecht“ antworten möchte, findet in der „Geschmacksschule“ eine umfangreiche Anleitung zur Bildung einer Meinung und Verbalisierung dieser Meinung.

Dass im verbalisieren eine besondere Schwierigkeit liegt, ist dem Autor bewusst. Wie wenig die deutsche Sprache ausreicht, beweist er am Beispiel, unterschiedliche Kartoffelsorten differenziert in ihrem Geschmack zu beschreiben. Einerseits stimmt das, andererseits fehlt es bei Dollase hier und da selbst an einem differenzierten Vokabular, wo es in unserer Sprache bereits vorliegt. Ab bestimmten Beißwiderstand nennt er alles „kross“ – egal ob es sich um eine geröstete Nuss, Blätterteig oder Obst handelt. Da ist beispielsweise ein Apfel „für einen ganz sanften kross Effekt zustaendig“. Ich frage ich mich, ob der Apfel nicht einfach knackig mit mittlerem Widerstand ist. Gerne fällt das Wort auch in Form eines unnötigen Pleonasmus, wie bei der „krossen Kruste“.

Abgesehen von diesen sprachlichen Spitzfindigkeiten ist „Geschmacksschule“ ein interessantes Buch, das ich empfehle. Das liegt jedoch weniger an den Rezepten, als an der Qualität, einen Weg zum aufmerksamen Umgang mit Essen aufzuzeigen. Neben rationalen Kaufgründen sprechen emotionale Kaufgründe für die „Geschmacksschule“. Das Probieren, Testen und Dazulernen macht mit dem Buch einfach wahnsinnigen Spaß.

Teil der Aktion
Jeden Tag Ein Buch. So heißt der Spaß hier.

Joachim Wisslers JW 4 in der Frontalansicht

Joachim Wisslers JW 4 in der Frontalansicht

Hard Facts:
– ca. 500 Rezepte, durchgängig bebildert
– 376 Seiten, Hardcover
– Erschienen 2010 im Eigenvertrieb
– Bezugsquellen: Das Buch gibts ausschließlich im Gourmetrestaurant Vendôme und auf der Website von Joachim Wissler zu kaufen.

Hintergrund:
Als Dankeschön für seine finanzielle Unterstützung während meines Studiums lud ich im letzen Monat meinen Bruder ins Gourmetrestaurant Vendôme ein. Nicht alle Tage unternehme ich so einen Restaurantbesuch, der so viel kosten kann wie ein einwöchiger All-Inclusive Urlaub auf Fuerteventura (inkl. Flug). Deswegen kaufte ich uns zur Vorbereitung das aktuelle Kochbuch des Vendôme Küchenchefs und Deutschlands höchstdekoriertem Koch. Die Idee dabei war, sich vorab in die Philosophie Wisslers einzulesen, einen Eindruck zu gewinnen, was uns erwartet, die Vorfreude zu steigern und etwas über die Arbeit in einem der aktuell zehn besten Restaurants weltweit zu lernen. Ziemlich genau für diese Zwecke taugt das Buch.

Zu viele tolle Seiten, als dass ich sie alle zeigen könnte...

Zu viele tolle Seiten, als dass ich sie alle zeigen könnte…

Gestaltung:
Fast im Din A3 Format passt das Buch zwar in kein gängiges Buchregal, macht sich aber dank geprägtem Folienelementen in kupfer/gold auf dem zurückhaltend gestalteten Hardcover auch auf dem Wohnzimmertisch ganz vorzüglich. Im Innenteil findest Du einige Moodbilder aus der direkten Umgebung des Restaurants (man ist nicht umsonst im Schloss Bensberg untergebracht), es dominieren jedoch perfekt aufgenommene Bilder von perfekten Menüs. Die wenigen Mengen an Text werden luftig auf den Großflächen platziert. Zusammengefasst ein edler, dennoch nicht zu pompöser Auftritt.

Aufbau:
Das Buch beginnt mit Erklärungen von Mitwirkenden zu der Küche und dem Buchprojekt. Nach erwartbaren einleitenden Sätzen erklärt Wissler hier, warum es neben u.a. Erfahrung und Kreativität beim Betrieb des Vendôme auch auf Demut ankommt. Den Erfolg führt der nahbare, fast bescheiden wirkende Wissler nämlich auch auf positive Umstände zurück und nicht etwa ausschließlich auf gottgegebenes Genie – kein Mann mit erfolgsbedingter Hybris.

Darauf folgt die materialreiche Dokumentation von insgesamt 5 Menüs: die 4 großen saisonalen Menüs des Jahres 2009 sowie ein Menü aus jungen Klassikern der Wissler-Küche. Da jeder Gang ein großformatiges Bild und eine Beschreibung erhält, freut man sich, dass keine Zutatenlisten und Anweisungen die edle Coffeetable Anmutung zerstören.

Wer dennoch wissen möchte, wie die einzelnen Gänge entstehen, kann dies per persönlichem Webzugang zur Wissler JW4 Datenbank tun. Hier finden sich weniger kunstfertige, dafür umso aufschlussreichere Bilder der Zubereitung sowie vollständige Zutatenlisten und step-by-step Anleitungen zum Nachkochen – für alle ca. 500 einzelnen Komponenten. Der im Textteil des Buches proklamierte „Vollkommene Transparenz“-Gedanke wird konsequent umgesetzt.

Rezepte:
Stilistisch geht Wissler in die Breite, bleibt dabei jedoch in heimischen Gefilden verankert. Er startet ins Frühlingsmenü beispielsweise mit Nordseekrabben, die „zum Besten, was Deutschland zu bieten hat“, gehören. Bei der „Hand Buddhas“ ein paar Gänge später bedient er sich fernöstlicher Ingredienzen, gleichzeitig kommen Vertreter aus unseren Breitengraden wie Schnittlauch, Zitronenthymian und Saiblingskaviar zum Einsatz. Hier verschmilzt kontinentaleuropäische Hochküche und internationaler Einfluss auf höchstem Niveau -ohne einem Fusionküchetrend hinterherzuhecheln.

Wissler beschreibt im Onlineteil des Buches akribisch, zum Teil in 6 Arbeitsblöcken je Gang mit jeweils ca. 4-9 Schritten, wie er die einzelnen Gerichte produziert. Für manche Gerichte benötigt er 45 unterschiedliche Zutaten. So wird auch klar, dass die Zubereitungen der einzelnen Gerichte immensen Aufwand verursachen. Für die Bachkrebse müsstet Ihr bspw. gleichzeitig das Rindermarkcrumble, den Spargel Eischaum und das Morchelgel herstellen und mit ein paar weiteren Zutaten auf dem Teller arrangieren, in mikroskopischen Dosierungen, aber bitte exakt temperiert.

Hier und da finden sich auch im gedruckten Buch Anleitungen zur Zubereitung.

Hier und da finden sich auch im gedruckten Buch Anleitungen zur Zubereitung.

Nachkochbarkeit:
Vergesst es. Das erfolgreiche Nachkochen scheitert zwar bereits bei der Beschaffung der Zutaten (Weizengrasöl? Limonenkresseblätter? Spirulina-Algenpuder?), solltet ihr bis zur Zubereitung gekommen sein, bäumen sich jedoch neue Hürden auf. Da wäre beispielsweise die Technik: ohne Pacojet pacossiert es sich nunmal schlecht. Wenn sich dann der Konvektomat noch gerade in Reparatur befindet und Ihr Euren Dehydrator verliehen habt, wirds problematisch. Darüber hinaus fällt natürlich auch einiges an Aufwand an, was immer dann schwierig ist, wenn bei einem Gang 5 Bestandteile gleichzeitig „auf den Punkt“ sein müssen. Anders als im Vendôme stehen einfach bei den meisten zu Hause keine 19 Helferlein parat, die man durchorchestriert. Und wenn man ehrlich ist, zum richtigen durchorchestrieren braucht man eben auch jemanden, der das kann.Ein Fakt hilft jedoch über die Enttäuschung hinweg, in naher Zukunft keine 3 Michelinsterne bei Euch zwischen Wohnzimmer und Diele zu erkochen. Das Buch ist ein Quell der Inspirationen für Foodpairing und Präsentation. Wem das zu wenig ist: Einige Ideen lassen sich tatsächlich auch zu Hause reproduzieren. Anzuführen ist hier bspw. ein Senfbrotcrumble, für den es lediglich Brot, Wasser, Senf und Gewürze, sowie einen Gefrierer und einen handelsüblichen Backofen benötigt.

Abschließendes Urteil:
Der Kauf des Buches lohnt sich für zwei Interessengemeinschaften.

Erstens lohnt es sich für diejenigen, die sich für ein(e) Dokumentation/Werksverzeichnis von einem der besten Köchen des Landes interessieren. Sie finden ein aufwändiges Buch, das nicht zum reinen visuellen Spektakel verblasst. Sie müssen sich nicht in die Internetdatenbank einloggen.

Die zweite Gruppe interessiert sich für Zusammenhänge beim Kochen, möchte dazulernen und sich von den ganz Großen etwas abgucken. Sie loggen sich ein und profitieren von dem praktischen Wert, der sich auch interessierten Hobbyköchen offenbaren kann. Denn nebst konkreten Kombinationsideen und (Teilen von) Rezepten finden sich im Textbereich immer wieder einfache Wahrheiten, die man gerne nochmal von Meisterhand formuliert liest. Beispiel: „Säure gibt eiweiß- und fettlastigen Speisen Leichtigkeit und Eleganz“.  Und wer das nicht umzusetzen weiß, protzt selbstsicher beim nächsten Food-Nerd-Talk mit dem Insiderwissen, dass Wissler sein Kartoffelkochwasser nicht wegkippt, sondern zu Speisen weiterverarbeitet.

Das alles ist doch schon eine Menge für ein Kochbuch, aus dem man relativ sicher nie etwas kochen wird, trotzdem aber absolut sicher 90 Schleifen auf den Tisch legt.

Teil der Aktion
Jeden Tag Ein Buch. So heißt der Spaß hier.

Endlich mal ein Bild auf diesem Blog, das ich selbst gemacht habe!

Die Küche der Armen in der Draufsicht

Hard Facts:
– 300 Rezepte, ohne Bilder
– 370 Seiten, Hardcover
– Erschienen 1970 im März Verlag
– Bezugsquellen: Bei Ebay verramscht immer irgendwer das Werk für einen Euro. Ansonsten empfehle ich immer KLICK

Hintergrund:
Im geschichtsträchtigen Jahr 1969 gegründet, entwickelte sich der März Verlag schnell mit politischen Traktaten und postmoderner Belletristik zu dem „tonangebenden Verlag der hedonistischen Linken“ – also nicht gerade dem klassischen Kochbuchverlag. Dementsprechend liefert die „Küche der Armen“ nicht nur Rezepte, sondern auch Überbau in Form einer Bestandsaufnahme zur Ungleichverteilung von Reichtum auf der Welt zum Jahr 1970.

Gestaltung:
Wie auch die anderen Verlagsveröffentlichungen erscheint „Die Küche der Armen“ im gelben Einband mit schwarzer und roter Schrift. Im Innenteil dominiert schwarze Schrift auf weißen, bzw. vergilbten Seiten – das wars. Portraitaufnahmen der Autorin, Moodbilder und vor allem auch Fotos der Gerichte sucht der geneigte Leser vergebens. Aus meiner Sicht ist das hier zu verschmerzen, die „Termiten-Würstchen“ hätte ich trotzdem gerne gesehen.

Aufbau:
Das Buch beginnt mit einer die Welt erklärenden Einleitung, die den Inhalt der folgenden 370 Seiten als „brutale Wallfahrt in die Welt der armen Leute“ bezeichnet und „einfache und kühne Gaumenfreuden“ verspricht, die ein „elementares Fest“ bereiten: „Den Genuß zu überleben“.

Es folgt ein 43-seitiger Aufsatz mit dem Titel „Die Armen“, in dem  Lebensbedingungen derer beschrieben werden, die ihr Auskommen mit wenig Geld bestreiten (müssen). Stets im Fokus steht hierbei, ganz dem Titel verpflichtet, ihre Ernährung.

Unter dem anschließenden Kapitel „die Nahrungsmittel der Armen“ werden die wichtigsten Energiespender wie Kokosbaum oder Algen vorgestellt. Vollkommen begeistert ist die Autorin von Wanderheuschrecken, in denen dreimal so viel Protein enthalten ist wie im Rindfleisch.

Auf den restlichen 300 Seiten dreht sich dann tatsächlich alles um Rezepte.
Endlich mal ein Bild auf diesem Blog, das ich selbst gemacht habe!

Die Küche der Armen aufgeschlagen

Rezepte:
Aufgeteilt in die Kapitel „Getreide und Mehl“, „Suppen“, „Pflanzen und Gemüse“, „Fleisch, Fisch und Käse“ und „Getränke und Nachspeisen“ findet sich je Kategorie ein wild durcheinandergewürfeltes Sammelsurium an Rezepten aus aller Welt. All diese Rezepte haben einen gemeinsamen Autor, der nicht Couffignal heißt, sondern „Mangel“. Anhand der verwendeten Sprache lässt sich dies nachvollziehen, schon die Einleitungen zu den jeweiligen Kapiteln haben es in sich. Zu „Fleisch, Fisch und Käse“ heißt es bspw.:

„So köstlich die berühmte kandierte chinesische Ente schmecken mag, nie hat sie der Kuli von der Straße auch nur zu Gesicht bekommen. Er muß sich mit einem mit Knoblauch gewürztem Brotfladen begnügen. Daran sollte man sich erinnern.“

Die Bandbreite der Gerichte reicht von Klassikern der internationalen Küche wie Hummus, gelbem indischen Reis und indonesischem Nasi Goreng zu Gerichten mit kryptischen Namen („Mauren und Christen – ein kubanisches Gericht“), laienhaft betitelten Rezepten („harte grüne Bananen“) bishin zu skurrilen Mahlzeiten, wie beispielsweise „Tibetanischer Schafsmagen“, „Igel nach argentinischer Art“ oder „Polypen nach griechischer Art“.

Nachkochbarkeit:
Unterschiedlich. Das hat damit zu tun, dass Euch wahrscheinlich Zutaten, wie die in Büffelmägen aufbewahrte Yak Butter für den Tibetanischen Reis fehlt.

Gewöhnungsbedürftig ist die Strukturlosigkeit der Rezepte. Nicht bei allen Rezepten findet sich eine Zutatenliste. Die Zubereitung erahnt man zum Teil nur durch Andeutungen in Nebensätzen.

Viele Gerichte, wie bspw. eine einfache Mangosuppe mit Ingwer oder indische Chapattis reproduziert Ihr jedoch sehr einfach anhand der Beschreibung.

Abschließendes Urteil:
Mit Sicherheit wird „Die Küche der Armen“ nicht zu Eurem immer wieder zu Rate gezogenen Lieblingskochbuch. Es ist mir allerdings aus verschiedenen Gründen eine Kaufempfehlung wert:

Erstens ist es in seinem suggestiven, politisierenden Ton ein interessantes Zeitdokument. Es vermittelt ein Bild davon, wie ein linker Teil der Gesellschaft um 1970 gedacht hat. Das Thema „Essen“ erweist sich fürs Verständnis dabei als besonders aufschlussreich.

Zweitens gewinnt man einen Eindruck von dem Alltag anderer, ja ärmerer Völker. Klar, Rituale der Essenszubereitung und -aufnahme sind nur Fragmente einer Kultur, und doch zeigen sie auf verständliche Weise Eigenheiten des täglichen Lebens unterschiedlicher Ethnien mit ihren widrigen Umständen.

Drittens ist der skurrile Aufbau, die für Kochbücher untypische, fehlende Konsequenz in der Strukturierung der Rezepte und vor allem der oberlehrerhafte Ton, trotz des ernsten Themenhintergrunds, unterhaltsam.

Last but not least: Das ein- oder anderer Rezept lohnt sich tatsächlich nachzukochen. Die Termitenwürstchen müssen es ja nicht direkt zum Einstieg sein!
Endlich mal ein Bild auf diesem Blog, das ich selbst gemacht habe!

Die Küche der Armen von der Seite

Teil der Aktion

Jeden Tag Ein Buch. So heißt der Spaß hier.

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