Archiv

Food Art et al.

Was tun, wenn die Rolex der Maxime des Unterstatements nicht gerecht wird, der Porsche geleast ist und die teuersten Klamotten die kleinsten Labels haben? Wenn sich die Suche nach adäquaten Statussymbolen schwierig gestaltet, benötigt man Alternativen. Nicht nur mir ist aufgefallen, dass immer häufiger Erfahrungen herhalten müssen, um sich von der Masse abzuheben.

Unter Erfahrungen verstehe ich in dem Kontext das Herausgreifen einzelner Ereignisse aus der schier unendlichen Menge an individuell erlebten Rohereignissen, um sie mit anderen zu teilen. Die Verbreitung von Bucket Lists à la „10 Dinge, die man unbedingt erlebt haben muss, bevor man stirbt“, suggerieren sogar, dass Erfahrungen Lebensinhalt produzieren.
Aber wie lässt es sich prahlen mit einem verpatzten ersten Date? Oder einer spannenden Aufsummierung von Alltagsbanalitäten? Schlecht lässt es sich damit prahlen. Wesentlich besser funktionieren vor allem Reisen und Essen. Kulturelle Aufgeschlossenheit bzw. Weltoffenheit, das nötige Kleingeld und vor allem der Anspruch ans eigene, eben vor Erfahrungen berstende Leben kommunizieren sich selten eleganter als unter dem Deckmantel einer Erzählung aus dem Urlaub bzw. vom Restaurantbesuch.
Wenn also alle Rolexe beim Nettwerk verkauft sind, der Leasingvertrag zugunsten einer Carsharing-Mitgliedschaft aufgelöst sind und die Designerkleidung abgetragen ist, gilt es richtige Entscheidungen zu treffen. Zum Glück kennt das Internet den Pfad, der Euch über diese Links zu den großartigen Bea Crespo und Andrea G. Portoles und ihrem Projekt Brunchcity führt.
© by Bea Crespo and Andrea G.Portoles

© by Bea Crespo and Andrea G.Portoles

© by Bea Crespo and Andrea G.Portoles

© by Bea Crespo and Andrea G.Portoles

© by Bea Crespo and Andrea G.Portoles

© by Bea Crespo and Andrea G.Portoles

Advertisements

Ich kann es nicht verhindern. Wenn ich durch einen Pennymarkt schlendere, fällt es mir schwer die Störgefühle zu unterdrücken. Es liegt nicht an der Pseudo-Hipster Edelästhetik des Billigheimers (das wäre allerdings auch ein Grund), sondern an einem Produkt, das dort verkauft wird. Es heißt Duff Beer und ist eine Echt-Welt-Variante des Duff Biers, das man sonst nur aus der Hand von Homer Simpson kennt.

In nerdigen Shops für Jäger von Popkulturdevotionalien hätte mich das Angebot weniger verwundert, vermutlich ein Lächeln abgerungen und vielleicht sogar einen Euro aus der Tasche abgeluchst. Aber bei Penny? Ich kann mir das nur so erklären, dass die Markenrechte mittlerweile so billig sind, dass sich irgendein Oettinger oder 5,0 Bierproduzent denkt „Cool, eine witzige Marke für ’n Appel und ’n Ei – das steigert meine Verkäufe um ein paar Prozent“. Das ganz große Thema sind die Simpsons ja eigentlich nicht mehr.

Den nachfolgenden fiktionalen Food-Produkten von Joshua Budich bin ich noch nicht im Penny Markt begegnet und ich vermute, dass sich daran bald auch nichts ändert. Anders als der flächendeckenden Duff-Verfügbarkeit stehe ich Joshuas Arbeiten auch positiver gegenüber. Sie bleiben brav im Mediensystem, wuchern nicht in mein Leben hinein und sind wie alles (außer meine eigenen Bilder), was ich hier so zeige, handwerklich tipp-topp. Wem das unten alles nichts sagt, greift bitte auf folgende Spoiler Links zurück.

Joshua Budich Fictional Food

© by Joshua Budich

Joshua Budich Fictional Food

© by Joshua Budich

Joshua Budich Fictional Food

© by Joshua Budich

Wer von labyrinthischen Wegen durchs Brot spricht, meint wohl das Wirken und Auswirken der Hefe im Teig. Oder er hat einen an der Waffel. Oder schreibt einen Blog. Oder hat einen an der Waffel und schreibt einen Blog. Ok, Schluss damit.

Labyrinthische Wege durch das Brot bedeutet bei Martin Roller: Feines Schnittwerk in der Schnitte. Wäre ich 3 mm groß hätte ich einen Heidenspaß mit dem Brot, aber auch mit 185 cm finde ich das nicht unspannend. Das gilt auch für seine Kritik an unserem Umgang mit der Umwelt. Eine von der Sonne knalleorange gefärbte Apfelsine kann nur ein Sinnbild für die Erderwärmung sein. Die Abschürfungen der Schale ergeben die Umrisse der Kontinente, die prall gefüllten Weltmeere drohen den feinen weißen Pelz zum Zerbersten zu bringen. Ein wahrhaft aufrüttelndes Bild. Oder vielleicht auch einfach die die aus Langeweile und Talent geborene Idee mit der dicken Apfelsinenschale herumzuexperimentieren.

Ich komme nicht drumrum, bei Martin Rollers Arbeiten auf abwegige Gedanken zu kommen, aber auch in ihrer handwerklichen Finesse wissen die Werke zu fesseln. Auch auf Martins Website donnert es nur so vor Kreativgewittern. Ihr kennt das mit der Weiterklickempfehlung.

Orangenwelt

© by Martin Roller

Apfelburger

© by Martin Roller

Brotlabyrinth

© by Martin Roller

Ähnlich wie debelloculinario lebt Jenny Acosta ihre Schwäche für Sprache im Internet aus. Ihre sprachlichen Volten wenden Worte zu kleinen und feinen, verschmerzbar simplen, neuen Bedeutungen. Anders als bei debelloculinario hilft Jenny ihr Talent bei der Bebilderung der kleinen Wortspiele, die die sprachliche Referenz in klar erkennbare, saftige Rote Bete, frisches Brot oder einen lecker kräutrigen Tee transformiert.

Das klingt sperriger als es ist, wie der geneigte Leser schon bemerkt hat, wenn er das Lesen des letzten Absatzes aufgegeben hat, um einen Blick auf die Arbeiten der Guten zu werfen. Wasserfarbenartig aber weniger schmierig kommen die kleinen Sketches daher, die eine gewisse Flüchtigkeit unterstellen lassen. Flüchtig heißt hier aber nicht dahingerotzt, sondern leichtfüßig, könnerhaft aufs digitale (?) Papier gepinnt.

Gepinnt sei hier auch der Link zur Jenny Seite, auf der sich mehr dieser netten, unverhängnisvollen Design Pieces für Eure Klicks bereit halten.

We're a matcha made in heaven

© by Jenny Acosta

My heart beets for you

© by Jenny Acosta

I loaf you

© by Jenny Acosta

Schimären aus verworrenen, hungrigen Träumen präsentiert uns Aleksandra Kingo. Pink gepinselte Bananen pellen sich aus der Schale, statt Mayo-Ketchup Schranke thront König Zahnpasta als Topping auf dem Hot Dog und die Erdbeere präsentiert sich in der Anti-Essen Farbe blau.

Ein wenig Ratlosigkeit verbreitet sich natürlich beim Betrachter, doch aufgrund der minimalistischen Komposition – man beschränkt sich aufs Wesentliche – können die ganz großen nervlichen Zusammenbrüche vermieden werden. Bei der nahezu pornographisch-grellen Ausleuchtung der am Sättigungslimit stehenden Farben dürfte sich jedoch bei dem einen oder anderen Erythrophobie ausbreiten.

Erröten hin oder her- wenn man so viele Worte zu einem Internet Zufallsfund finden kann, ist das schon eine Verlinkung wert. In diesem Falle führt sie direkt zur Künstlerin, die Massenhaft weitere tolle Arbeiten bereithält. Give it up for Aleksandra Kingo.

Pinke Banane

© by Aleksandra Kingo

Hot Dog mit Zahnpasta

© by Aleksandra Kingo

Blaue Erdbeere

© by Aleksandra Kingo

Ich gebe zu, sperriger kann man Überschriften kaum formulieren. Wenn dann auch noch die darauffolgenden Zeilen nicht zünden, sitzt man in der Patsche. Ich versuche also, das Ruder auf meine Seite zu reißen.

In den USA sind Überraschungseier verboten. Dem ist so, weil ein Gesetz Lebensmittel verbietet, die nicht essbare Bestandteile einschließen. Zuwiderhandlung? 2.500 Dollar. Da klingelt die Staatskasse und der Kopf, wenn einem am Zoll die witzigen, typisch deutschen, ähh, italienischen Mitbringsel für die Kinder abgenommen werden.

Nun schreit auch der US-amerikanische Markt nach Spannung, Spiel und Zucker und hier schicken sich die Frühstückscerealienboxen an, um auszuhelfen. Quietschebunt mit den Gesichtern der beliebtesten Figuren aus Film und Fernsehen gelabelt stechen sie ins Auge und versprechen, versetzt mit etwas Milch, Gaumenfreuden ganz nach Kindergeschmack.

Mein Spotlight richtet sich heute auf Jim Bachor. Er muss die Ergebnisse der Lebensmittelindustrie genauso erstaunlich gefunden haben wie ich, ansonsten hätte er die Milchtreiblingsboxen wohl kaum zu dem Gegenstand seiner Arbeiten gemacht haben. Doch Jim Bachor geht einen Schritt, bzw. eher einen Gewaltmarsch weiter. Er mosaiziert die von antiken pompejianischen Fundstücken und frischen Lebensmitteln umgebenen Produkte nach. Das ist etwas schwerer zu verdauen, als ein paar gepoppte Reiskörner auf Kuhmilch. Ob wilder Stilmix, Rätsel in Stein oder geniale Auseinandersetzung mit pop-kulturellem Essen: eine Alternative für ein Ü-Ei oder für eine misslungene Überschrift hat Jim allemal.

Frühstückscerealien im Mosaik by Jim Bachor

© by Jim Bachor

Frühstückscerealien im Mosaik by Jim Bachor

© by Jim Bachor

Frühstückscerealien im Mosaik by Jim Bachor

© by Jim Bachor

Kreativität bei der Pizzabäckerei ist meistens keine gute Idee. Wer sich durch die Imbissklasse der Provinz durchprobiert, wundert sich nicht selten über Pizza mit Spargel und Sauce Hollandaise, Pizza mit Nudeln oder Belagkombinationen wie Dosenthun und Ananas.

Für das Kreativstudio „Black Pizza“ haben Erwan und Julie ein wenig weitergespinnt und interessante Pizzabelag-Kombinationen erfunden, die selbst Pizza Döner übertreffen. Man war hierbei sogar so frei, sich von den typischen Farbtönen zu lösen.

Herausgekommen ist ein Pandämonium aus monochromen Pizze mit Visitenkarten, Quietscheentchen und Kakteen. Ich verstehe die Arbeiten aus kulinarischer Sicht: Kritik am Frevel an der Pizza mit Mozzarella, Tomaten und Basilikum. Ich kann mir jedoch vorstellen, dass dem Black Pizza Studio auch andere Lesarten genehm sind. Um die zuzulassen, sollte jedoch hier geklickt werden.

Schwarze Pizza

© by Black Pizza Studio, Paris

Grüne Pizza

© by Black Pizza Studio, Paris

Gelbe Pizza

© by Black Pizza Studio, Paris

%d Bloggern gefällt das: