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Degustationsnotizen

Erster Eindruck:
Ein kläffender Brauhund, der auf dem Etikett sinnlos Worte aus dem geistig kulturellen Kontext leiht; eine Verpackung, die nach Kundenfang in der Zielgruppe „Alcopop“ ausschaut; eine Beschreibung auf der Website, die nur von Besoffenen verfasst worden sein kann; dazu noch der Geruch von Dosenananas – nein, der erste Eindruck war nicht der Beste.
Das sagt der Geschmack:
Der Geruch von Dosenananas begegnet auch beim ersten Schluck erneut, aber dann passiert noch mehr. Genau genommen passiert dann Grapefruit, reifer Pfirsich und andere fruchtige Aromen, die man diesem nach Aufmerksamkeit geifernden Produkt gar nicht zugetraut hätte. Die deutliche Bitternote, die auch nach dem Abgang bleibt, setzt all der Fruchtigkeit einen sinnvollen Kontrastpunkt und zeigt, zumindest bei den 3 Buchstaben „IPA“ hat man bei der Bedruckung des Etiketts keinen Fehler begangen. Unterm Strich ein spannendes Bier, dem aber auch der Zustand zugute kommt, dass die Erwartungen im Vorfeld nicht allzuhoch geschraubt wurden.
Wenn Du abschweifst…
…sitzt Du in der tropischen Oase und gießt in gleißendem Licht und bei fiebrigen Temperaturen auf die Wüste in Dir das fruchtige Nass. Dem Schluck folgt Zufriedenheit, Ansteigen des Alkoholgehalts im Blut und danach der bitter getünchte Wunsch nach Wiederholung des Ablaufs. „Repitere est mater scientia“ lautet das Motto, weswegen Du fortfährst. Die Sonne erreicht den Zenith, der Alkoholanteil im Blut ebenso und die Zunge erinnert sich mit schwerem Herzen und bitteren Gefühlen an die einst vorbeiziehenden Obstsorten. Du bist jetzt bereit, die Pressetexte für den Brewdog zu schreiben.
Brewdog's Punk IPA
Erster Eindruck:
Der ethnologisch-archäologische Teil meines Herzens sorgt für eine Erhöhung der Schlagfrequenz. Die Talayots trieben als prähistorische Kultur auf den Balearen ihr Unwesen, indem sie uns bspw. Talayots, nämlich Beobachtungs- und Wachtürme hinterließen. Auf dem Etikett des Bieres erkennt man die hinkelsteinartigen Felsstücke, aus denen die Talayotiker Talayots mauerten. Meine Hoffnung beim Genuss des Bieres zielt auf das kennenlernen des Ur-Mallorquinen Bieres.

Das sagt der Geschmack:
Er sagt Bitterorange, Erde und Hefe. Das sind seine exakten Worte. Außerdem nehme ich Kastanie wahr, die mich gedanklich ein paar Kilometer auf dem Mittelmeer gen Osten schiebt, denn auf Korsika trank ich ein Kastanienbier, das in Punkto Komplexität mit dem hier getesteten leicht dreckig aber dennoch irgendwie schön aussehenden Amber Ale nicht konkurrieren kann. Der Fruchtigkeit wird Malzsüße entgegengesetzt und würde mich eine deutliche Überkarbonisierung nicht zum rumstehen lassen zwingen, gäbe ich diesem Ale eine dicken fetten grünen Haken.

Wenn Du abschweifst…
…rufst Du Doc an, ob der DeLorean noch in der Garage steht. Du planst eine Zeitreise, auf dem Beifahrersitz transportierst Du einen Sechserträger Talaiotika. Du kannst die Karre habe, jettest 2500 Jahre zurück, dafür aber an den gleichen Ort, wo Du eh jedes Jahr Urlaub machst: Malle. Jetzt hälst Du die Jungs ab, ihre Türmchen zu schichten, um mit Ihnen ein Drink zu nehmen. Du merkst, ihr spontanvergorener Trunk ähnelt tatsächlich dem Inhalt der Flaschen, die Du in dem Delikatessenladen in Palma ergattert hast. Du fragst Dich, ob das wohl reinheitsgebotskonform ist, auch wenn das Jahr 1516 noch 2000 Jahre in der Zukunft liegt.
Talaiotika Terrosa

Talaiotika Terrosa

Erster Eindruck:
Kein starker Geruch, kein starker Geschmack – das passt zu der von der Vermarktung in den Vordergrund gestellten (vermeintlichen) Herkunft des Bieres. Denn so blass wie der erste Eindruck von Grönland sein mag, so ist auch der „seines“ Bieres.

Das sagt der Geschmack:
Ich will nicht sagen, dass dieses Bier nach Wurst schmeckt. Nein, wahrscheinlich versteckt sich nur eine leichte Malznote hinter der Zurückhaltung, die versucht jegliche Garstigkeit abzuwenden. Weder die Leichtigkeit, noch der leicht trockene Nachgeschmack oder die schaumfreie Krone deuten darauf hin. Aber trinkt einen Schluck und denkt an eine original Mailänder Salami… Na?

Wenn Du abschweifst…
…träumst Du Dich in getrocknetes Heu in der Sommersonne und leichtes, kaum wahrnehmbares Knistern. Das kontrastiert mit der kargen, rohen, kalten Grönland-Landschaft auf der Flasche. Plötzlich erwachst Du und stellst fest: Alles nur ein Traum, das Bier wird tatsächlich ganz woanders gebraut.

Grønland Ice Cap Amber Lager

Erster Eindruck:
Charakterstark, ausdifferenziert, balanciert.
Das sagt der Geschmack:
Orientalische Gewürze und Kräuter liegen in der Nase. Die Angst, dass die 7,2% in bester Dampfhammermanier alles plattwalzen, bleibt unbegründet. Die einzelnen Komponenten wirken stimmig in ihrer Kombination und gehen leicht und schnell die Kehle runter. Danach bleibt ein traubig-trockener Nachhall. Ist die Flasche leer, beginnt man auch an die 7,2% zu glauben.
Wenn Du abschweifst…
…sitzt Du in Deinem kleinen Hobbithaus und trinkst aus metallernen Kelchen. Das Wetter ist sehr gut, aber nicht zu heiß. Dadurch hältst Du es auch in Deinem Wohnzimmer gut aus, in dem die Decke nur 1,2m hoch ist. Obwohl Dich eine dunkle Ahnung von Sauron umtreibt, genießt Du den Augenblick: Life is good.
Torpedo
Becks 1873 Pils

Becks 1873 Pils

Erster Eindruck:
Positiv geprimt. Denn nach der Arbeit husche ich in den Plattenladen, um mir das neue Blur Album auf Vinyl zu sichern. Ich denke, ich bin spät dran, denn die Kritiken sind gut und das bedeutet „ausverkauft“-Gefahr. Ist es ausverkauft hat man die Wahl des dreifachen Preises auf Ebay oder des Schmachtens. Ich sehe es, trage es zur Kasse und bringe die Transaktion zügig über die Bühne. Ob ich Bier trinke, fragt mich der Händler, den ich eigentlich nicht mag, weil er mich in der Vergangenheit abkanzelte, weil ich 35€ für einen zu hohen Preis für eine Schallplatte hielt („Kannst ja gucken, wo de das billiger krichst“). Ich antworte überrascht verzeihend „Ja, aber ich muss nach Hause…Frau und Kind warten…“. Er reicht mir den Dreierträger von Beck’s neuer Craftserie über die Theke und ich freue mich doppelt: Vinyl und Bier, das wohl (fast) Beste, was man für Geld kaufen/geschenkt bekommen kann.

So ist es:
Hier hört der Spaß jetzt leider auf. Die Überschrift ist auch falsch. Ich könnte mehr darüber schreiben, was dieses Bier nicht ist, als was es ist. Bevor der Zorn nun aber aus mir herauspustet, wie Luft aus einer prall aufgepumpten Luftmatratze, aus der man den Stöpsel zieht, eins nach dem anderen. Die Farbe deutet darauf hin, dass bei dem Pils, bei dem man dem Originalrezept zu gedenken versuchte, nichtmals Pilsner Malz verwendet wurde. Kleinkariert sagst Du? Ok. Der Geruch. Was ich am Beck’s Pils immer witzig fand war, dass wenn man an der Flasche roch, nachdem man sie öffnete, es ein wenig nach Gras, also Marihuana roch. Hopfen und Marihuana stammen wohl aus der gleichen Pflanzenfamilie, so die Erklärung. Egal, das ist bei diesem Bier nicht der Fall. Dafür teilt es mit dem weltbekannten Fernsehpils jedoch den dünnen Geschmack. Hat aber, trotz der gerade mal 6 Volumenprozent einen ordentlich sprittigen Beigeschmack. Der bleibt sogar noch ein wenig nach dem Herunterschlucken im Mund, als habe man sich ein paar Tropfen Vodka auf die Zunge geträufelt. Während bspw. Bitburger für seine Craft Biere einen neuen Namen fand („Craftwerk“), um sich das eigene Image nicht zu zerschießen und sie so spannende, leckere, fair bepreiste Crafts produzieren konnten, wählte Becks den gleichen Namen und traute sich nicht so recht, experimentell zu werden.

Wenn Du abschweifst..
..sitzt Du mit Josef Groll, dem Vater des Pilsner Braustils, in Pilsen, bei Pilsener Urquell. Du reichst ihm ein Glas „Beck’s 1873 Pils“ und er ist skeptisch. Er probiert es und befiehlt, Beck’s möge doch zunächst an dem obergärigen Brauverfahren probieren, bevor sie sich an dem neuen untergärigen Brauverfahren versündigen. Als er über Farbe, Aroma und Geschmack doziert, machst Du Dich aus dem Staub.
Things money can(not) buy.

Things money can(not) buy.

Erster Eindruck:
Mit der Kritik des Etiketts ließen sich schon Abschlussarbeiten von Designstudenten füllen. Das amateurhafte Bild, der Photoshopeffekt darauf und die unfassbare Menge an Text zeugen davon, dass die Brauerei keine Budgets an professionelle Werbeagenturen zu verschwendet hat. Das ungewöhnliche Äußere, dazu die opake Flüssigkeit in der Flasche wecken dennoch das Interesse für etwas, was nach Brot und Kombucha riecht und geschmacklich irritiert.

So ist es:
Da röhrt die Fermentierung noch nach, möchte man meinen, wenn man das zwar leichte aber charaktervolle Bier probiert. Ganz präsent ist nämlich die Hefe, deutlich schmecke ich Nelke heraus, was nicht so absonderlich für den Freund des Craftbeers klingt. Ein schwefeliger Geschmack irritiert, Fruchtaromatik spielt sich hintergründig ab. Heruntergeschluckt bleibt ein bitterer Nachhall auf den Hefegrundton. Was bei fortschreitender Leerung klar wird: hier gehts auch um Erde, um Holz und um Waldboden. Grodziskie, die Trüffel des kleinen Mannes.

Wenn Du abschweifst..
..ziehst Du Bilanz. Du kommst von Warsteiner, Becks und Krombacher und hast Dich in die Welt der IPAs und dunklen Trappistenbiere vorgearbeitet. Du kennst jetzt den Geschmack von hellem Malz und dem von dunklem, du schmeckst Centennial Hopfen aus einer Mischung heraus. Du bist kurz davor, Dich sicher zu fühlen, bis Dich Grodziskie trifft und Du nochmal von vorne anfangen musst – finde ich das gut? Ist das eines der spannendsten Biere überhaupt oder ein Braufehler? Du bist etwas verwirrt, aber dafür ganz, wirklich ganz weit weg von der Langeweile.

Grodsziskie

Erster Schluck:

Wer aufgrund der dunklen Farbe denkt, hier bilde das Malz den Dreh- und Angelpunkt, sieht sich aufs Glatteis geführt. Denn alles, was bei der ersten Nase ankommt ist Hefe. Vor dem ersten Schluck schwant Brotigkeit.

Das sagt der Geschmack:

Wenn man die Masse an Weizenbieren unterteilen kann in die, die nach Banane schmecken und die, die nach Nelke schmecken, gehört das Roog definitiv zu der Kategorie der Nelkenbiere. Doch keine Angst, was da im Glas funkelt ist kein Chai Latte und kein Weihnachtsgewürzkuchen. Das Flaschenetikett verspricht Aromen von gebrannten Mandeln, die wohlwollend auch wahrgenommen werden können. Doch die Angelegenheit ist komplexer als gebrannte Mandeln und Nelke. Die Melange schmeckt würzig, rauchig, die Röstmalze sind fast zu stark eingesetzt, ein volles Winterbier, das verwirrt, da es so atypisch schmeckt und nicht ansatzweise so brotig daherkommt wie der erste Eindruck es nahelegte.

Wenn Du abschweifst…

…sitzt Du in der Räucherkammer, schmeißt den Schinken raus, legst eine Lage Buchenholzspäne drauf und streichst das Getreide auf die Darre. Nicht alle archaischen Zubereitungen von Lebensmitteln, so klärt in diesem Augenblick der Rauch, stehen in der Weber Grillbibel.

BraufactuM Roog

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