Archiv

Archiv für den Monat Februar 2015

Die Samtdecke ist nur für den Moment drapiert, nicht plissiert, darauf funkelt das industriell hergestellte Eis in rosa und rot. In ähnlichen Farben wiegt das Himbeerwasser (?) im Flamingoglas in 90er Leonardo Ästhetik, eine herunterlaufende Träne sorgt für „Drama, Baby“ und der leicht geöffnete Mund entscheidet sich nicht so recht zwischen lasziv und tumb. Das Aufreizende wird in seinem Nachdruck auf Bild #3 auf die Spitze getrieben: kandierte Kirsche, offener Mund, sich abseihender Tropfen… mehr geht kaum ohne pornografisch zu werden.

Die „Amour Fou“ Serie von Emma Hartvig hat durchgängig gerötete Wangen, kann sich nicht entscheiden zwischen Groschenroman-Ästhetik und Ernsthaftigkeit, in der Überästhetisierung entwickelt sich die Spannung. Die gewählten Speisen fügen sich passend ins Konzept. Weder Vienetta-Eis, noch Fruchtpunsch oder Cocktailkirsche lösen mehr Begeisterung aus als ein Toast Hawaii und gerade deshalb funktionieren sie hier so wunderbar.

Emma Hartvig heißt die verantwortliche Künstlerin, der wir dieses Juicy Pleasure zu verdanken haben. Der Seitenbesuch lohnt sich nicht nur, um herauszufinden, was sie alles mit den anderen Farben anstellt.

Emma Hartvig fotografiert Eis

© by Emma Hartvig

Emma Hartvig fotografiert Tränen

© by Emma Hartvig

Emma Hartvig fotografiert Kirsche im Mund

© by Emma Hartvig

Erster Eindruck:
Mit der Kritik des Etiketts ließen sich schon Abschlussarbeiten von Designstudenten füllen. Das amateurhafte Bild, der Photoshopeffekt darauf und die unfassbare Menge an Text zeugen davon, dass die Brauerei keine Budgets an professionelle Werbeagenturen zu verschwendet hat. Das ungewöhnliche Äußere, dazu die opake Flüssigkeit in der Flasche wecken dennoch das Interesse für etwas, was nach Brot und Kombucha riecht und geschmacklich irritiert.

So ist es:
Da röhrt die Fermentierung noch nach, möchte man meinen, wenn man das zwar leichte aber charaktervolle Bier probiert. Ganz präsent ist nämlich die Hefe, deutlich schmecke ich Nelke heraus, was nicht so absonderlich für den Freund des Craftbeers klingt. Ein schwefeliger Geschmack irritiert, Fruchtaromatik spielt sich hintergründig ab. Heruntergeschluckt bleibt ein bitterer Nachhall auf den Hefegrundton. Was bei fortschreitender Leerung klar wird: hier gehts auch um Erde, um Holz und um Waldboden. Grodziskie, die Trüffel des kleinen Mannes.

Wenn Du abschweifst..
..ziehst Du Bilanz. Du kommst von Warsteiner, Becks und Krombacher und hast Dich in die Welt der IPAs und dunklen Trappistenbiere vorgearbeitet. Du kennst jetzt den Geschmack von hellem Malz und dem von dunklem, du schmeckst Centennial Hopfen aus einer Mischung heraus. Du bist kurz davor, Dich sicher zu fühlen, bis Dich Grodziskie trifft und Du nochmal von vorne anfangen musst – finde ich das gut? Ist das eines der spannendsten Biere überhaupt oder ein Braufehler? Du bist etwas verwirrt, aber dafür ganz, wirklich ganz weit weg von der Langeweile.

Grodsziskie

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