(Koch)Buchbesprechung: Christophe Blain „In der Küche mit Alain Passard“

Frontansicht "In der Küche mit Alain Passard"

Frontansicht „In der Küche mit Alain Passard“ von Christophe Blain

Hard Facts:
– ca. 15 Rezepte, durchgängig gezeichnet
– 96 Seiten, Hardcover
– Erschienen 2013 im Reprodukt Verlag
– Bezugsquellen: Unterstützt den Buchhändler in Eurer Nachbarschaft!

Hintergrund:
Als ich etwa 13 war, sammelte ich exzessiv Bildchen von Basketballspielern. Immer wenn ich ein paar Mark in der Tasche hatte, fuhr ich nach Köln, um in abgefahrenen kleinen Lädchen die Sammelkarten zu teils absurden Preisen abzugreifen. Dort gab es eine Menge anderen nerdigen Krimskrams, den größten Platz in den Läden nahmen jedoch mit Comics gefüllte Holzkisten ein. Ich interessierte mich damals nicht sonderlich dafür, war aber verblüfft von der Vielfalt an Heften. Mir wurde klar: Eine treffendere Metapher als „die Spitze des Eisbergs“, lässt sich für die schlechte, kleine Auswahl an Comics in (Bahnhofs)kiosken nicht finden.

Irgendwann geriet die Johnny Cash „Walk the Line“-Biographie als Comic in meine Hände. Erstmalig konnte ich die Begeisterung nachvollziehen: Anders als ein Buch, anders als ein Film, anders als ein Cartoon transportiert das Comic seinen Inhalt. Subtile Zwischentöne und Konnotationen kommen durch die grafische Darstellung zum Ausdruck, gleichzeitig wirkt das geschriebene Wort. Auch „In der Küche von Alain Passard“ profitiert genau von diesem Effekt.

Gestaltung:
Natürlich passt zu der Arbeitsdokumentation des Dreisternekochs Alain Passard keine flattrige Mickeymouse Heft Haptik. Deswegen umschließt die festen Seiten ein solides Hardcover. Die Zeichnungen verteilen sich wild über die Seiten, was jedoch der hektischen, für Außenstehende tumultig wirkenden Atmosphäre in der Küche Rechnung trägt. Zwischen den illustrierten Seiten räumen immer wieder einfarbige, streng gesetzte Seiten auf. Insgesamt eine angenehme Kombination aus straightem Layout und geregeltem Chaos.

Aufbau:
Mit dem nervösen Gang des Zeichners Christophe Blain ins Restaurant L’Arpège beginnt das Buch. Durch seinen Außenseiterblick erleben wir die immer auf wenige Seiten verdichteten Storys. Zweimal begleitet man den Zeichner bei Besuchen in den restauranteigenen Gärten, dann beim zurückhaltenden Zuschauen in der Küche und schließlich, wie er der Entstehung der Gerichte alleine mit dem Meisterkoch beiwohnt. Durch seine Rolle wird die anfängliche Zurückhaltung und dann immer weiter fortschreitende Begeisterung für Passards Tun nachvollziehbar und überträgt sich auf den Leser. So baut sich über die gesamte Lektüre mit ihren immer wieder zwischengeschalteten Rezepten Spannung auf.

Rezepte:
Einfache Konstruktionen wie Erbsen mit Pampelmuse und frischer Minze, Kartoffelpfannekuchen sowie Ananas mit Olivenöl, Honig und Zitrone werden anhand eines ausführlichen Texts beschrieben und erklärt. Vollends erschließen sich die Gerichte erst durch die Comicstrips, die die Begeisterung und den Respekt herausarbeiten, mit denen Passard seinen Zutaten begegnet. Durch Überspitzung schwingt immer eine Komik  mit, Christophe Blain begegnet Alain Passard trotzdem stets mit Respekt. Die Rezepte sind clever ausgesucht, in ihrer Einfachheit genial, dabei niemals banal.
Alain Passard huldigt Weißkohl

Alain Passard huldigt Weißkohl

Nachkochbarkeit:
Auch mit der üblichen Küchenausstattung lassen sich die Gerichte reproduzieren und die Fingerfertigkeit eines durchschnittlichen Hobbykochs reichen aus. Hin und wieder wirds ambitionierter, beispielsweise wenn Passard Eier mit der Rasierklinge bearbeiten lässt oder ein Dragée von der Taube bastelt.

Die richtigen Zutaten zu besorgen gestaltet sich da schon schwieriger. Klar, Möhren treibt jeder auf. Passard probiert allerdings drei verschiedene Böden aus, um herauszufinden, in welchem die aromatischsten, knackigsten, schönsten Möhren wachsen. Für nicht geschulte Esser sind das Geschmacksnuancen, aber bei reduzierten Kompositionen fallen auch kleine Unterschiede ins Gewicht.

Abschließendes Urteil:
Den großen Wert von „In der Küche mit Alain Passard“ findest Du auf verschiedenen Ebenen. Da ist der Witz, der durch den außenstehenden Blick auf einen hochbegabten Food-Verrückten entsteht. Da ist der tiefe Einblick in das Tun des Arpège, inkl. Mitgliederbefragung und Tokyo-Reisevorbesprechung. Da ist das Wissen, was sich in den herrlich pointiert dargestellten Ideenfindungsprozessen findet. Da ist der praktische Nutzwert für ambitioniertere Hobbyköche. Und, vielleicht am wichtigsten: da ist der Beweis, was mit Comics alles möglich ist.
In der Küche mit Alain Passard aufgeschlagen

In der Küche mit Alain Passard aufgeschlagen

Wichtig: Der Band wurde mir vom Verlag freundlicherweise kostenlos zur Verfügung gestellt. Debello Leser wissen aber, dass das keine Auswirkung auf mein Urteil nahm.
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5 Kommentare
  1. Diese Franzosen … 🙂
    Im Urlaub habe ich mir „Les Ignorants“ von Étienne Davodeau gekauft. Da geht’s um die kreative Kooperation zwischen einem Winzer und einem (belgischen) Comiczeichner.

  2. Kein Buch für mich, ich mag weder Comics noch bin ich großer Kochbuchliebhaber.
    Wenn Kochbuch dann solche die Basics vermitteln, das tut heute sehr Not,..wenn ich mich so umschau 😉

    Aber: Super Rezension!

    War interessant zu lesen.

    • Danke für das Lob!

      Ok, ich glaube etwas für Comics und Kochbücher muss man schon übrig haben, ansonsten ist das nix:-)

      Gebe Dir recht, Bücher die Basics vermitteln, sind vernünftig – wenn sie vernünftig gemacht sind:-) Beispielsweise von Anne Willan „Die große Schule des Kochens“. Viele von den Fernsehkoch Einführungsbücher finde ich nervig…

      BG aus Kölle!

      • Oh von Fernsehköchen rede ich mal gar nicht 🙂

        Ich hab zb. ein uraltes von einem österreichischen Koch,…aber da kann man Basics lernen, keine große Küche, aber die kann man eh erst machen, wenn das andere passt!
        Liebe Grüße!
        http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Ruhm
        Natürlich kocht man heute anders, aber vom Grundsatz ist es klasse!

  3. Interessant – von Franz Ruhm habe ich noch nie was gehört! Muss ich gleich mal bei Ebay nach dem „Kochbuch für alle“ fahnden:-)

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