Jeden Tag ein Buch: Huguette Couffignal „Die Küche der Armen“

Endlich mal ein Bild auf diesem Blog, das ich selbst gemacht habe!

Die Küche der Armen in der Draufsicht

Hard Facts:
– 300 Rezepte, ohne Bilder
– 370 Seiten, Hardcover
– Erschienen 1970 im März Verlag
– Bezugsquellen: Bei Ebay verramscht immer irgendwer das Werk für einen Euro. Ansonsten empfehle ich immer KLICK

Hintergrund:
Im geschichtsträchtigen Jahr 1969 gegründet, entwickelte sich der März Verlag schnell mit politischen Traktaten und postmoderner Belletristik zu dem „tonangebenden Verlag der hedonistischen Linken“ – also nicht gerade dem klassischen Kochbuchverlag. Dementsprechend liefert die „Küche der Armen“ nicht nur Rezepte, sondern auch Überbau in Form einer Bestandsaufnahme zur Ungleichverteilung von Reichtum auf der Welt zum Jahr 1970.

Gestaltung:
Wie auch die anderen Verlagsveröffentlichungen erscheint „Die Küche der Armen“ im gelben Einband mit schwarzer und roter Schrift. Im Innenteil dominiert schwarze Schrift auf weißen, bzw. vergilbten Seiten – das wars. Portraitaufnahmen der Autorin, Moodbilder und vor allem auch Fotos der Gerichte sucht der geneigte Leser vergebens. Aus meiner Sicht ist das hier zu verschmerzen, die „Termiten-Würstchen“ hätte ich trotzdem gerne gesehen.

Aufbau:
Das Buch beginnt mit einer die Welt erklärenden Einleitung, die den Inhalt der folgenden 370 Seiten als „brutale Wallfahrt in die Welt der armen Leute“ bezeichnet und „einfache und kühne Gaumenfreuden“ verspricht, die ein „elementares Fest“ bereiten: „Den Genuß zu überleben“.

Es folgt ein 43-seitiger Aufsatz mit dem Titel „Die Armen“, in dem  Lebensbedingungen derer beschrieben werden, die ihr Auskommen mit wenig Geld bestreiten (müssen). Stets im Fokus steht hierbei, ganz dem Titel verpflichtet, ihre Ernährung.

Unter dem anschließenden Kapitel „die Nahrungsmittel der Armen“ werden die wichtigsten Energiespender wie Kokosbaum oder Algen vorgestellt. Vollkommen begeistert ist die Autorin von Wanderheuschrecken, in denen dreimal so viel Protein enthalten ist wie im Rindfleisch.

Auf den restlichen 300 Seiten dreht sich dann tatsächlich alles um Rezepte.
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Die Küche der Armen aufgeschlagen

Rezepte:
Aufgeteilt in die Kapitel „Getreide und Mehl“, „Suppen“, „Pflanzen und Gemüse“, „Fleisch, Fisch und Käse“ und „Getränke und Nachspeisen“ findet sich je Kategorie ein wild durcheinandergewürfeltes Sammelsurium an Rezepten aus aller Welt. All diese Rezepte haben einen gemeinsamen Autor, der nicht Couffignal heißt, sondern „Mangel“. Anhand der verwendeten Sprache lässt sich dies nachvollziehen, schon die Einleitungen zu den jeweiligen Kapiteln haben es in sich. Zu „Fleisch, Fisch und Käse“ heißt es bspw.:

„So köstlich die berühmte kandierte chinesische Ente schmecken mag, nie hat sie der Kuli von der Straße auch nur zu Gesicht bekommen. Er muß sich mit einem mit Knoblauch gewürztem Brotfladen begnügen. Daran sollte man sich erinnern.“

Die Bandbreite der Gerichte reicht von Klassikern der internationalen Küche wie Hummus, gelbem indischen Reis und indonesischem Nasi Goreng zu Gerichten mit kryptischen Namen („Mauren und Christen – ein kubanisches Gericht“), laienhaft betitelten Rezepten („harte grüne Bananen“) bishin zu skurrilen Mahlzeiten, wie beispielsweise „Tibetanischer Schafsmagen“, „Igel nach argentinischer Art“ oder „Polypen nach griechischer Art“.

Nachkochbarkeit:
Unterschiedlich. Das hat damit zu tun, dass Euch wahrscheinlich Zutaten, wie die in Büffelmägen aufbewahrte Yak Butter für den Tibetanischen Reis fehlt.

Gewöhnungsbedürftig ist die Strukturlosigkeit der Rezepte. Nicht bei allen Rezepten findet sich eine Zutatenliste. Die Zubereitung erahnt man zum Teil nur durch Andeutungen in Nebensätzen.

Viele Gerichte, wie bspw. eine einfache Mangosuppe mit Ingwer oder indische Chapattis reproduziert Ihr jedoch sehr einfach anhand der Beschreibung.

Abschließendes Urteil:
Mit Sicherheit wird „Die Küche der Armen“ nicht zu Eurem immer wieder zu Rate gezogenen Lieblingskochbuch. Es ist mir allerdings aus verschiedenen Gründen eine Kaufempfehlung wert:

Erstens ist es in seinem suggestiven, politisierenden Ton ein interessantes Zeitdokument. Es vermittelt ein Bild davon, wie ein linker Teil der Gesellschaft um 1970 gedacht hat. Das Thema „Essen“ erweist sich fürs Verständnis dabei als besonders aufschlussreich.

Zweitens gewinnt man einen Eindruck von dem Alltag anderer, ja ärmerer Völker. Klar, Rituale der Essenszubereitung und -aufnahme sind nur Fragmente einer Kultur, und doch zeigen sie auf verständliche Weise Eigenheiten des täglichen Lebens unterschiedlicher Ethnien mit ihren widrigen Umständen.

Drittens ist der skurrile Aufbau, die für Kochbücher untypische, fehlende Konsequenz in der Strukturierung der Rezepte und vor allem der oberlehrerhafte Ton, trotz des ernsten Themenhintergrunds, unterhaltsam.

Last but not least: Das ein- oder anderer Rezept lohnt sich tatsächlich nachzukochen. Die Termitenwürstchen müssen es ja nicht direkt zum Einstieg sein!
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Die Küche der Armen von der Seite

Teil der Aktion

Jeden Tag Ein Buch. So heißt der Spaß hier.

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6 Kommentare
  1. Das klingt sehr interessant, interessanter auf jeden Fall als so manches Werk..

    • Ist schon wirklich ein sehr spezielles Buch. Aber der Markt wird so überschwemmt von Kochbüchern.. jeden Monat neue und mir scheint vieles austauschbar. Da lohnt es sich mal genauer hinzuschauen, abseits des Standards und besondere Veröffentlichungen zu finden. So wie die Küche der Armen..

      • Da hast du ganz recht.

  2. Sabine sagte:

    Sehr spannend! Danke für die Rezension. Über solche Bücher stolpert man ja sonst höchstens mal durch glücklichen Zufall.

    • sehr gerne! jetzt muss ich gleich mal schauen, was es auf deiner site zu entdecken gibt!

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