Archiv

Archiv für den Monat November 2013

Vor einer Weile begrub ich auf de bello die Rubrik „Produktberater“, auf der ich skurrile Produkte aus dem Bereich der Kulinarik im weitesten Sinne präsentierte. In Form einer Serie werde ich die Idee wiederaufleben lassen, im wahrsten Sinne Merkwürdiges zu verlinken. Dieses Mal beschränke ich mich jedoch nicht auf käufliche Produkte sondern spanne das Feld weiter – alles Eurer Unterhaltung zu Liebe!

Wie auch bei „Produktberater“ werde ich ohne Bilder verlinken, um mir das Heckmeck um die Freigabe zu ersparen und Euch auf direktem Wege die Links zu zeigen. In dem Sinne, enjoy!

Death Star Keksdose – vernichtet keine Planeten aber das Idealgewicht

VW Bully-Toaster zum Schnäppchenpreis von 488 Dollar (leider bereits ausverkauft!)

– Lösung für Teegenießer mit schwacher Blase: Tee zum Einatmen

Totenkopf-Löffel für einen dosierteren Umgang mit Zucker

– Free Möhren! Gemüse aus dem Kühlschrank befreiende Regalkonzepte!

– Futter für den Foodie-Perfektionisten: Mathematische Überlegungen zum perfekten Stück Pizza

– Resteverwertung, für alle Kürbissuppenübersättigte: Klein wenig aufwändigere Kürbisschnitzereien

– Leid des Daumen auf die Ölflasche haltens? Hier ist der Olivenölroller!

– Geeignete Waffe für Pazifisten: die Wurstpistole

– Keine Lust auf Untertasse, keine Lust auf Löffel dreckig machen, here comes the: Selbstverrührende Kaffeetasse

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Ok. Ich gebe zu, das Wortspiel mit dem Pinetree, dem Apple und dem Pineapple funktioniert im Deutschen nicht allzu gut. Darüber braucht man jedoch nicht griesgrämisch werden, denn auch über die Symbolik kann man sich dem mit Piniennadeln bedeckten Apfel nähern.

In der Wikipedia steht nämlich, dass die Pinie im Christentum als Lebensbaum gilt, die Zapfen stehen sogar für Unsterblichkeit. Wer sich dann überlegt, dass die Volksweisheit „An Apple a day keeps the doctor away“ auch auf fortwährende Gesundheit zielt, findet hier doch mal die Metapher schlechthin für ein ewiges Leben. 

Wem das zu mystisch aufgeladen ist, erfreut sich einfach an den Aufnahmen von Dorota Pankowska  Das funktioniert nämlich auch, wenn man sich nicht weiter für Wortspiele und Mystik interessiert.

Pine Apple.

© by Dorota Pankowska

Pine Apple.

© by Dorota Pankowska

Pine Apple.

© by Dorota Pankowska

Jürgen Dollase "Geschmacksschule" in der Frontalansicht

Jürgen Dollase „Geschmacksschule“ in der Frontalansicht

Hard Facts:
– ca. 60 Rezepte, durchgängig bebildert
– 200 Seiten, Hardcover
– Erschienen 2005 im Tre Torri Verlag
– Bezugsquellen: Unterstützt den Buchhändler in Eurer Nachbarschaft!

Hintergrund:
Vor ein paar Jahren machte ein Video im Internet die Runde, in dem ein kauzig-unterhaltsamer Gastrokritiker einen 6-minütigen Rant über die Erbärmlichkeit von McDonald’s Hamburger zum Besten gab. Der kauzige Gastrokritiker heißt Jürgen Dollase und rantet nicht nur gegen Billig-Boulettenbrötchen sondern auch in großartiger Manier gegen Fernsehköche und deren Kochbücher. Damit auch wir begründen können, warum manche Gerichte kulinarische Fehlkonstruktionen sind und andere gelungen, hat Dollase ein Buch geschrieben. Es heißt „Geschmacksschule“.

Gestaltung:
Hardcover, schweres, griffiges Papier, Übersichtlichkeit trotz vieler Abbildungen und Geschmackswahrnehmungsdiagramme – so wird’s gemacht. Ein Leseband hilft Euch, schnell an die letzte Unterrichtsstunde anzuknüpfen. Alle Seiten haben einen beigen Hintergrund, weiß wird zur Akzentuierung verwendet.

Aufbau:
Zunächst appelliert Dollase an einen bewussten Genuss von Essen, bei dem man über das, was gerade im Mund passiert nachdenkt – ähnlich wie bei einer Weinprobe. Als Beispiel führt er dann wieder seinen Lieblingsversager der Kulinarik heran – den McDonald’s Burger. Ihm stellt er auf zwei Seiten Möglichkeiten der Verkostung eines kulinarisch anspruchvolleren Tellers gegenüber.

Alle die bis hierhin den Zweck der Veranstaltung verstanden haben, müssen nicht sitzenbleiben und wiederholen sondern werden ins Kapitel mit Basiswissen versetzt. Die zur Degustation relevanten Merkmale Aroma, Textur und Temperatur erklärt der Autor an dieser Stelle leicht verständlich.

Anschließend schult Dollase seine Eleven im Bereich Sinneswahrnehmung. Hierzu müssen verschiedene Lebensmittel auf einem Löffel arrangiert und verkostet werden. Bei der Analyse versucht der Degustierende alle Eindrücke im Mund einzufangen, und zwar unter Berücksichtigung der drei oben genannten Merkmale. Um diese Vorgänge zu beschreiben, verwendet der Autor eine interessante Darstellung im Koordinatensystem. Auf der y-Achse befindet sich die Wahrnehmungsintensität, also wie stark man etwas wahrnimmt. Auf der X-Achse die Zeit, wie lange eine Wahrnehmung andauert. Je Geschmackskomponente wird eine Linie verwendet, sodass man für jeden Happen die Vorgänge nachzeichnen kann.

Anhand zahlreicher Beispiellöffel können nun die eigenen Degustierfähigkeiten erprobt werden.

Degustationsnotizen zu Löffelgerichten

Degustationsnotizen zu Löffelgerichten

Rezepte:
Formal sauber aufgebaut mit Zutatenliste, Anleitung und Bild präsentieren sich die Rezepte. Sie stammen größtenteils aus dem Bereich der einfachen bis etwas ambitionierteren kontinentaleuropäischen Küche. Gerne variierte und neuinterpretierte Klassiker, wie bspw. die „dekonstruierte Erbsensuppe“ verlocken zum Nachkochen, selbst wenn Ihr kein Degustationsprotokoll plant. Aus dem Rahmen fallen die Meisterlöffel, für deren Autorschaft Harald Wohlfahrt, Thomas Bühner oder auch Joachim Wissler gewonnen werden konnten.

Interessant ist die Ausrichtung auf den Löffel. So finden sich in der Zutatenliste Hinweise wie „Je Löffel ein Eigelb“, das Anrichten bezieht sich auf einen Löffel, und das Bild zeigt – konsequenterweise – den befüllten Löffel.

Zum Lesen regt der große Rezeptteil vor allem an, wenn man versucht, die je Löffelgericht angegebenen Geschmackskurven und Degustationsnotizen nachzuvollziehen.  Eurer Karriere als Restaurantkritiker nach Dollase’schem Leitbild steht bei Erfolg nichts im Wege, außer ihr habt bereits am Herd gepatzt.

Nachkochbarkeit:
Absolut gegeben. Teilweise erfordert die Zubereitung und vor allem das Anrichten etwas Geschick, lässt sich aber auch für Hobbyköche bewerkstelligen. Gerade bei den ersten Löffeln auf dem Niveau „Bratwurst mit Ketchup-Creme Fraiche-Gemisch“ gelingt alles problemlos. Anders sieht es da schon bei den Meisterlöffeln aus. Diese Rezepte erfordern zwar etwas mehr Sorgfalt, lassen sich aber immernoch zu Hause reproduzieren.

Degustationsnotizen zu Löffelgerichten

Degustationsnotizen zu Löffelgerichten

Abschließendes Urteil:
Wer auf die Frage, wie etwas schmeckt nicht nur „gut“ bzw. „schlecht“ antworten möchte, findet in der „Geschmacksschule“ eine umfangreiche Anleitung zur Bildung einer Meinung und Verbalisierung dieser Meinung.

Dass im verbalisieren eine besondere Schwierigkeit liegt, ist dem Autor bewusst. Wie wenig die deutsche Sprache ausreicht, beweist er am Beispiel, unterschiedliche Kartoffelsorten differenziert in ihrem Geschmack zu beschreiben. Einerseits stimmt das, andererseits fehlt es bei Dollase hier und da selbst an einem differenzierten Vokabular, wo es in unserer Sprache bereits vorliegt. Ab bestimmten Beißwiderstand nennt er alles „kross“ – egal ob es sich um eine geröstete Nuss, Blätterteig oder Obst handelt. Da ist beispielsweise ein Apfel „für einen ganz sanften kross Effekt zustaendig“. Ich frage ich mich, ob der Apfel nicht einfach knackig mit mittlerem Widerstand ist. Gerne fällt das Wort auch in Form eines unnötigen Pleonasmus, wie bei der „krossen Kruste“.

Abgesehen von diesen sprachlichen Spitzfindigkeiten ist „Geschmacksschule“ ein interessantes Buch, das ich empfehle. Das liegt jedoch weniger an den Rezepten, als an der Qualität, einen Weg zum aufmerksamen Umgang mit Essen aufzuzeigen. Neben rationalen Kaufgründen sprechen emotionale Kaufgründe für die „Geschmacksschule“. Das Probieren, Testen und Dazulernen macht mit dem Buch einfach wahnsinnigen Spaß.

Teil der Aktion
Jeden Tag Ein Buch. So heißt der Spaß hier.

Joachim Wisslers JW 4 in der Frontalansicht

Joachim Wisslers JW 4 in der Frontalansicht

Hard Facts:
– ca. 500 Rezepte, durchgängig bebildert
– 376 Seiten, Hardcover
– Erschienen 2010 im Eigenvertrieb
– Bezugsquellen: Das Buch gibts ausschließlich im Gourmetrestaurant Vendôme und auf der Website von Joachim Wissler zu kaufen.

Hintergrund:
Als Dankeschön für seine finanzielle Unterstützung während meines Studiums lud ich im letzen Monat meinen Bruder ins Gourmetrestaurant Vendôme ein. Nicht alle Tage unternehme ich so einen Restaurantbesuch, der so viel kosten kann wie ein einwöchiger All-Inclusive Urlaub auf Fuerteventura (inkl. Flug). Deswegen kaufte ich uns zur Vorbereitung das aktuelle Kochbuch des Vendôme Küchenchefs und Deutschlands höchstdekoriertem Koch. Die Idee dabei war, sich vorab in die Philosophie Wisslers einzulesen, einen Eindruck zu gewinnen, was uns erwartet, die Vorfreude zu steigern und etwas über die Arbeit in einem der aktuell zehn besten Restaurants weltweit zu lernen. Ziemlich genau für diese Zwecke taugt das Buch.

Zu viele tolle Seiten, als dass ich sie alle zeigen könnte...

Zu viele tolle Seiten, als dass ich sie alle zeigen könnte…

Gestaltung:
Fast im Din A3 Format passt das Buch zwar in kein gängiges Buchregal, macht sich aber dank geprägtem Folienelementen in kupfer/gold auf dem zurückhaltend gestalteten Hardcover auch auf dem Wohnzimmertisch ganz vorzüglich. Im Innenteil findest Du einige Moodbilder aus der direkten Umgebung des Restaurants (man ist nicht umsonst im Schloss Bensberg untergebracht), es dominieren jedoch perfekt aufgenommene Bilder von perfekten Menüs. Die wenigen Mengen an Text werden luftig auf den Großflächen platziert. Zusammengefasst ein edler, dennoch nicht zu pompöser Auftritt.

Aufbau:
Das Buch beginnt mit Erklärungen von Mitwirkenden zu der Küche und dem Buchprojekt. Nach erwartbaren einleitenden Sätzen erklärt Wissler hier, warum es neben u.a. Erfahrung und Kreativität beim Betrieb des Vendôme auch auf Demut ankommt. Den Erfolg führt der nahbare, fast bescheiden wirkende Wissler nämlich auch auf positive Umstände zurück und nicht etwa ausschließlich auf gottgegebenes Genie – kein Mann mit erfolgsbedingter Hybris.

Darauf folgt die materialreiche Dokumentation von insgesamt 5 Menüs: die 4 großen saisonalen Menüs des Jahres 2009 sowie ein Menü aus jungen Klassikern der Wissler-Küche. Da jeder Gang ein großformatiges Bild und eine Beschreibung erhält, freut man sich, dass keine Zutatenlisten und Anweisungen die edle Coffeetable Anmutung zerstören.

Wer dennoch wissen möchte, wie die einzelnen Gänge entstehen, kann dies per persönlichem Webzugang zur Wissler JW4 Datenbank tun. Hier finden sich weniger kunstfertige, dafür umso aufschlussreichere Bilder der Zubereitung sowie vollständige Zutatenlisten und step-by-step Anleitungen zum Nachkochen – für alle ca. 500 einzelnen Komponenten. Der im Textteil des Buches proklamierte „Vollkommene Transparenz“-Gedanke wird konsequent umgesetzt.

Rezepte:
Stilistisch geht Wissler in die Breite, bleibt dabei jedoch in heimischen Gefilden verankert. Er startet ins Frühlingsmenü beispielsweise mit Nordseekrabben, die „zum Besten, was Deutschland zu bieten hat“, gehören. Bei der „Hand Buddhas“ ein paar Gänge später bedient er sich fernöstlicher Ingredienzen, gleichzeitig kommen Vertreter aus unseren Breitengraden wie Schnittlauch, Zitronenthymian und Saiblingskaviar zum Einsatz. Hier verschmilzt kontinentaleuropäische Hochküche und internationaler Einfluss auf höchstem Niveau -ohne einem Fusionküchetrend hinterherzuhecheln.

Wissler beschreibt im Onlineteil des Buches akribisch, zum Teil in 6 Arbeitsblöcken je Gang mit jeweils ca. 4-9 Schritten, wie er die einzelnen Gerichte produziert. Für manche Gerichte benötigt er 45 unterschiedliche Zutaten. So wird auch klar, dass die Zubereitungen der einzelnen Gerichte immensen Aufwand verursachen. Für die Bachkrebse müsstet Ihr bspw. gleichzeitig das Rindermarkcrumble, den Spargel Eischaum und das Morchelgel herstellen und mit ein paar weiteren Zutaten auf dem Teller arrangieren, in mikroskopischen Dosierungen, aber bitte exakt temperiert.

Hier und da finden sich auch im gedruckten Buch Anleitungen zur Zubereitung.

Hier und da finden sich auch im gedruckten Buch Anleitungen zur Zubereitung.

Nachkochbarkeit:
Vergesst es. Das erfolgreiche Nachkochen scheitert zwar bereits bei der Beschaffung der Zutaten (Weizengrasöl? Limonenkresseblätter? Spirulina-Algenpuder?), solltet ihr bis zur Zubereitung gekommen sein, bäumen sich jedoch neue Hürden auf. Da wäre beispielsweise die Technik: ohne Pacojet pacossiert es sich nunmal schlecht. Wenn sich dann der Konvektomat noch gerade in Reparatur befindet und Ihr Euren Dehydrator verliehen habt, wirds problematisch. Darüber hinaus fällt natürlich auch einiges an Aufwand an, was immer dann schwierig ist, wenn bei einem Gang 5 Bestandteile gleichzeitig „auf den Punkt“ sein müssen. Anders als im Vendôme stehen einfach bei den meisten zu Hause keine 19 Helferlein parat, die man durchorchestriert. Und wenn man ehrlich ist, zum richtigen durchorchestrieren braucht man eben auch jemanden, der das kann.Ein Fakt hilft jedoch über die Enttäuschung hinweg, in naher Zukunft keine 3 Michelinsterne bei Euch zwischen Wohnzimmer und Diele zu erkochen. Das Buch ist ein Quell der Inspirationen für Foodpairing und Präsentation. Wem das zu wenig ist: Einige Ideen lassen sich tatsächlich auch zu Hause reproduzieren. Anzuführen ist hier bspw. ein Senfbrotcrumble, für den es lediglich Brot, Wasser, Senf und Gewürze, sowie einen Gefrierer und einen handelsüblichen Backofen benötigt.

Abschließendes Urteil:
Der Kauf des Buches lohnt sich für zwei Interessengemeinschaften.

Erstens lohnt es sich für diejenigen, die sich für ein(e) Dokumentation/Werksverzeichnis von einem der besten Köchen des Landes interessieren. Sie finden ein aufwändiges Buch, das nicht zum reinen visuellen Spektakel verblasst. Sie müssen sich nicht in die Internetdatenbank einloggen.

Die zweite Gruppe interessiert sich für Zusammenhänge beim Kochen, möchte dazulernen und sich von den ganz Großen etwas abgucken. Sie loggen sich ein und profitieren von dem praktischen Wert, der sich auch interessierten Hobbyköchen offenbaren kann. Denn nebst konkreten Kombinationsideen und (Teilen von) Rezepten finden sich im Textbereich immer wieder einfache Wahrheiten, die man gerne nochmal von Meisterhand formuliert liest. Beispiel: „Säure gibt eiweiß- und fettlastigen Speisen Leichtigkeit und Eleganz“.  Und wer das nicht umzusetzen weiß, protzt selbstsicher beim nächsten Food-Nerd-Talk mit dem Insiderwissen, dass Wissler sein Kartoffelkochwasser nicht wegkippt, sondern zu Speisen weiterverarbeitet.

Das alles ist doch schon eine Menge für ein Kochbuch, aus dem man relativ sicher nie etwas kochen wird, trotzdem aber absolut sicher 90 Schleifen auf den Tisch legt.

Teil der Aktion
Jeden Tag Ein Buch. So heißt der Spaß hier.

Endlich mal ein Bild auf diesem Blog, das ich selbst gemacht habe!

Die Küche der Armen in der Draufsicht

Hard Facts:
– 300 Rezepte, ohne Bilder
– 370 Seiten, Hardcover
– Erschienen 1970 im März Verlag
– Bezugsquellen: Bei Ebay verramscht immer irgendwer das Werk für einen Euro. Ansonsten empfehle ich immer KLICK

Hintergrund:
Im geschichtsträchtigen Jahr 1969 gegründet, entwickelte sich der März Verlag schnell mit politischen Traktaten und postmoderner Belletristik zu dem „tonangebenden Verlag der hedonistischen Linken“ – also nicht gerade dem klassischen Kochbuchverlag. Dementsprechend liefert die „Küche der Armen“ nicht nur Rezepte, sondern auch Überbau in Form einer Bestandsaufnahme zur Ungleichverteilung von Reichtum auf der Welt zum Jahr 1970.

Gestaltung:
Wie auch die anderen Verlagsveröffentlichungen erscheint „Die Küche der Armen“ im gelben Einband mit schwarzer und roter Schrift. Im Innenteil dominiert schwarze Schrift auf weißen, bzw. vergilbten Seiten – das wars. Portraitaufnahmen der Autorin, Moodbilder und vor allem auch Fotos der Gerichte sucht der geneigte Leser vergebens. Aus meiner Sicht ist das hier zu verschmerzen, die „Termiten-Würstchen“ hätte ich trotzdem gerne gesehen.

Aufbau:
Das Buch beginnt mit einer die Welt erklärenden Einleitung, die den Inhalt der folgenden 370 Seiten als „brutale Wallfahrt in die Welt der armen Leute“ bezeichnet und „einfache und kühne Gaumenfreuden“ verspricht, die ein „elementares Fest“ bereiten: „Den Genuß zu überleben“.

Es folgt ein 43-seitiger Aufsatz mit dem Titel „Die Armen“, in dem  Lebensbedingungen derer beschrieben werden, die ihr Auskommen mit wenig Geld bestreiten (müssen). Stets im Fokus steht hierbei, ganz dem Titel verpflichtet, ihre Ernährung.

Unter dem anschließenden Kapitel „die Nahrungsmittel der Armen“ werden die wichtigsten Energiespender wie Kokosbaum oder Algen vorgestellt. Vollkommen begeistert ist die Autorin von Wanderheuschrecken, in denen dreimal so viel Protein enthalten ist wie im Rindfleisch.

Auf den restlichen 300 Seiten dreht sich dann tatsächlich alles um Rezepte.
Endlich mal ein Bild auf diesem Blog, das ich selbst gemacht habe!

Die Küche der Armen aufgeschlagen

Rezepte:
Aufgeteilt in die Kapitel „Getreide und Mehl“, „Suppen“, „Pflanzen und Gemüse“, „Fleisch, Fisch und Käse“ und „Getränke und Nachspeisen“ findet sich je Kategorie ein wild durcheinandergewürfeltes Sammelsurium an Rezepten aus aller Welt. All diese Rezepte haben einen gemeinsamen Autor, der nicht Couffignal heißt, sondern „Mangel“. Anhand der verwendeten Sprache lässt sich dies nachvollziehen, schon die Einleitungen zu den jeweiligen Kapiteln haben es in sich. Zu „Fleisch, Fisch und Käse“ heißt es bspw.:

„So köstlich die berühmte kandierte chinesische Ente schmecken mag, nie hat sie der Kuli von der Straße auch nur zu Gesicht bekommen. Er muß sich mit einem mit Knoblauch gewürztem Brotfladen begnügen. Daran sollte man sich erinnern.“

Die Bandbreite der Gerichte reicht von Klassikern der internationalen Küche wie Hummus, gelbem indischen Reis und indonesischem Nasi Goreng zu Gerichten mit kryptischen Namen („Mauren und Christen – ein kubanisches Gericht“), laienhaft betitelten Rezepten („harte grüne Bananen“) bishin zu skurrilen Mahlzeiten, wie beispielsweise „Tibetanischer Schafsmagen“, „Igel nach argentinischer Art“ oder „Polypen nach griechischer Art“.

Nachkochbarkeit:
Unterschiedlich. Das hat damit zu tun, dass Euch wahrscheinlich Zutaten, wie die in Büffelmägen aufbewahrte Yak Butter für den Tibetanischen Reis fehlt.

Gewöhnungsbedürftig ist die Strukturlosigkeit der Rezepte. Nicht bei allen Rezepten findet sich eine Zutatenliste. Die Zubereitung erahnt man zum Teil nur durch Andeutungen in Nebensätzen.

Viele Gerichte, wie bspw. eine einfache Mangosuppe mit Ingwer oder indische Chapattis reproduziert Ihr jedoch sehr einfach anhand der Beschreibung.

Abschließendes Urteil:
Mit Sicherheit wird „Die Küche der Armen“ nicht zu Eurem immer wieder zu Rate gezogenen Lieblingskochbuch. Es ist mir allerdings aus verschiedenen Gründen eine Kaufempfehlung wert:

Erstens ist es in seinem suggestiven, politisierenden Ton ein interessantes Zeitdokument. Es vermittelt ein Bild davon, wie ein linker Teil der Gesellschaft um 1970 gedacht hat. Das Thema „Essen“ erweist sich fürs Verständnis dabei als besonders aufschlussreich.

Zweitens gewinnt man einen Eindruck von dem Alltag anderer, ja ärmerer Völker. Klar, Rituale der Essenszubereitung und -aufnahme sind nur Fragmente einer Kultur, und doch zeigen sie auf verständliche Weise Eigenheiten des täglichen Lebens unterschiedlicher Ethnien mit ihren widrigen Umständen.

Drittens ist der skurrile Aufbau, die für Kochbücher untypische, fehlende Konsequenz in der Strukturierung der Rezepte und vor allem der oberlehrerhafte Ton, trotz des ernsten Themenhintergrunds, unterhaltsam.

Last but not least: Das ein- oder anderer Rezept lohnt sich tatsächlich nachzukochen. Die Termitenwürstchen müssen es ja nicht direkt zum Einstieg sein!
Endlich mal ein Bild auf diesem Blog, das ich selbst gemacht habe!

Die Küche der Armen von der Seite

Teil der Aktion

Jeden Tag Ein Buch. So heißt der Spaß hier.

Kleiner Einblick in die heimische Sammlung

Kleiner Einblick in die heimische Sammlung

Brauchen wir das achtzehnte „einfach italienisch kochen“ Buch? Muss „essen & trinken“ monatlich neu erscheinen? Ist das fachkundige Beratung vorm Kochbuchregal in der Mayerschen Buchhandlung?

Wer in Gedanken gerade 3 mal „nein“ gesagt hat, wird von „Jeden Tag ein Buch“ genauso begeistert sein wie ich. Hierbei handelt es sich um eine Aktion von dem kleinen Kuriositätenladen und Arthurs Tochter kocht, bei der Blogger mit Faible fürs Lukullische ihre liebsten Perlen aus Papier und Druckerschwärze vorstellen.

Im wörtlichen Sinne werde ich im Aktionszeitraum die Aufgabe „jeden Tag ein (Koch-)Buch“ nicht bewerkstelligen. Zumindest drei bis vier mal möchte ich aber auch etwas Meinung posaunen. Direkt morgen wird es hier losgehen mit dem ersten Teil: Huguette Couffignals „Die Küche der Armen“.

 

Schon häufiger gab ich Euch Tipps, wie Ihr Arial, Helvetica und Times New Roman aus Eurem Alltag verbannt. Für all die, denen die aktuelle Vielfalt an Schriften nicht ausreicht, habe ich eine frohe Botschaft: Heute ist Euer Glückstag.

Marion Luttenberger sorgt mit ihren frischen Ideen für ein Umdenken beim Einsatz von Schriften im Alltag. Eurem Partner einen Einkaufsauftrag erteilen? Wer nimmt dafür Stift und Papier, wenn Baconstrips in schönsten Schattierungen bereit stehen? Warum Emails schreiben, wenn man aus Oliven Wörter formen kann? Genau.

Falls all das an Argumenten noch nicht ausreicht – Essen könnt Ihr den Spaß dann auch noch, womit wir bei unserem gemeinsamen Nenner wären. Damit Ihr bei Euren Foodtypo-Experimenten direkt eine Referenz habt, mit der ihr benchmarken könnt, zeige ich Euch zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit tolle Inspirationen von Marion.

Save in Meats

© by Marion Luttenberger

Olive

© by Marion Luttenberger

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