Essen im Fokus der Kamera des Grauens

Als Digitalkameras erschwinglich wurden, ging ich noch zur Schule. Ich kann mich an einen Tag der offenen Tür erinnern, an dem ich als Mitarbeiter der Schülerzeitung mit der schuleigenen halbdigitialen Sony Mavica Kamera Bilder machen durfte. Das Gerät kam mir damals unfassbar fortschrittlich vor, es konnte Aufnahmen von bis zu 640×480 Pixel aufnehmen und diese über ein Floppy Disk Laufwerk auf einer 3,5″ Diskette speichern. Man musste die 3,5″ Diskette mit den Bildern nur in das Diskettenlaufwerk seines Vobis PCs schieben und konnte die Bilder auf seine 2 GB Festplatte übertragen. So ein High-Tech war für uns Schüler damals natürlich nicht erschwinglich, rechtzeitig zur Abi-Party besorgte sich ein Freund von mir jedoch eine qualitativ nicht ganz so hochwertige Digitalkamera zum Schnäppchenpreis. Wir knippsten mehr als hundert Bilder, es mussten ja keine teuren Filme mehr entwickelt werden. Die Bilder von der Abi Party tauchen gelegentlich bei uns im Bekanntenkreis  auf. Einerseits dokumentieren sie die Ereignisse der Nacht, andererseits überzeugen sie durch ihre künstlerische Qualität. Gesichter sind beispielsweise alle in einheitlichem kalkweiß zu bestaunen, es sei denn man kämpfte noch mit postpubertären Hautunreinheiten, die die Fotos in ampelrot ausweisen. Wegen der grellen, entlarvenden Farbsprache wird der Fotoapparat heute ehrfürchtig nur noch „Kamera des Grauens“ genannt.

An die Kamera des Grauens musste ich denken, als ich die Arbeiten von Jon Feinstein entdeckte. Auch sie beschönigen nichts, vielmehr stellen sie Mängel heraus. Lediglich das Objekt ist nicht das jugendliche Selbst meiner Abschlussklasse, sondern Fast Food in gängiger Form. Das einfache Ablichten ist Gegenentwurf zum Photoshopping, uns wird vor Augen geführt,mit welchen Makeln wir bei industriell produziertem Essen leben müssen.

Das weitere Schicksal der fotografierten Objekte von Jon ist mir nicht bekannt, zumindest aber hat die Verbreitung im Netz funktioniert. Bei den Bildern der Kamera des Grauens verhält es sich genau umgekehrt. Wobei, jetzt habe ich ja diesen Blog…
Fast Food (3)

© by Jon Feinstein

Fast Food (2)

© by Jon Feinstein

Fast Food (1)

© by Jon Feinstein

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8 Kommentare
  1. Essen: ganz gemein.
    Fotos: ganz doll
    Fazit: ankucken gern zu Hauf. essen nur in außerplanmäßigen, seelisch sehr aufreibenden Situationen…hier auch nur, und dann gern, mit viel alkohol. gefolgt von tiefen food-depressionen und …reue. und figurpanik.

    • hehe:-)
      bei mir gibts das immer, wenn es (sehr) schnell gehen muss. wird dann seinem namen gerecht und ist ebenso schnell wieder vergessen.. hat sein gutes:-)

  2. Hallo Christoph,

    ja so eine Camera lügt nicht.
    Aber das Auge!
    Ich hatte mir gestern einen Joke gemacht:
    ich habe die Zutaten zu einem Essen VOR der Zubereitung auf dem Teller arrangiert,
    habe es wie gewohnt fotografiert und eingestellt wie immer.
    Ich dachte es würden sich einige aufregen, oder echauffieren, oder in mir das Kind im Manne sehen.
    Nichts, gar nichts. Niemandem ist das aufgefallen.
    Das Auge lügt , nicht die Camera. Oder ?

    In einem Ami Forum wo ich gelegentlich einstelle, stellte ich den besagten Artikel auch ein.
    Ein Userin lobte mein Gericht und die Fotos sogar extra.
    Ich mußte dann selbst lachen und klärte sie über meinenJoke auf:

    http://heutegibts.wordpress.com/2013/09/01/schweineruckensteak-mit-tomaten/
    http://www.germanicans.com/viewtopic.php?f=30&t=19394&sid=94f3accc9b2b324c76d5dd7ea0cbcde4

    Daher : lügt das Auge ?

    Gruß, Bernd

  3. Das Grusel-Food sieht so ungeschönt farbenfroh fast wieder gut aus. Und wo sind jetzt die ampelrot-kalkigen Abi-Fotos ;-)? An die Floppy Disk Laufwerke des Grauens kann ich mich auch noch dunkel erinnern…

    • Hehehe.. ich glaube die Bilder müssen noch etwas auf der Festplatte reifen, bis ich sie veröffentlichen kann:-)

      • und lustig, dass Du schreibst „Das Grusel-Food sieht so ungeschönt farbenfroh fast wieder gut aus.“ Beim nochmal drauf schauen stimme ich fast zu (das „fast“ bleibt allerdings fester Bestandteil des Satzes:-))

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