Archiv

Archiv für den Monat September 2013

Ein bisschen etwas hat sich geändert, seitdem Johannes Gutenberg um 1450 eine Medienrevolution lostrat, indem er den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfand. Damit meine ich nicht politische Veränderungen wie die des gestrigen Tages, sondern unser Mediennutzungsverhalten und insbesondere den Umgang mit Schrift.

Nachdem die digitale Darstellung von Schriftlichem aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken ist, fallen immer wieder Experimente auf, bei denen sich Menschen auf ungewohnte, physische, haptisch erfahrbare Weise mit Typographie auseinandersetzen. Ein schönes Beispiel hierfür liefert Danielle Evans a.k.a. Marmalade Bleue, deren Homepage ich nur wärmstens empfehlen kann.

green typo

© by Danielle Evans a.k.a. Marmalade Bleue

A chocolately experience

© by Danielle Evans a.k.a. Marmalade Bleue

peppery typo

© by Danielle Evans a.k.a. Marmalade Bleue

 

 

 

Wer vorab per Brief oder am 22. persönlich seinen staatsbürgerlichen Pflichten nachkommt, legt mit seiner Wahl der favorisierten Partei mit fest, zu welcher Farbkombination es in Zukunft im Bundestag kommt. Egal ob Ihr mehr auf Ampel oder mehr auf Jamaica steht – spätestens wenn die gewählten Vertreter anfangen zu plappern fragt man sich, ob die bunte Vielfalt nicht Illusion ist und die Kollegen tatsächlich alle gleich (grau) gestrickt sind.

Besser funktioniert die Farbkombinatorik mit Emily Blincoes Sugar Series. Hier könnt ihr frei zusammenstellen, je nach Gusto, immer wieder neu. Da harmoniert tiefroter Weingummi mit pechschwarzem Lakritz, dass man sich wünscht, man lebte in einem Schlaraffenland. Ein Vorteil hat Emily Blincoes Farbschema übrigens auch: das hässliche braun spielt gar keine Rolle.

Sugar Series von http://www.thesewoods.com/

© by Emily Blincoe

Sugar Series von http://www.thesewoods.com/

© by Emily Blincoe

Sugar Series von http://www.thesewoods.com/

© by Emily Blincoe

 

Als Digitalkameras erschwinglich wurden, ging ich noch zur Schule. Ich kann mich an einen Tag der offenen Tür erinnern, an dem ich als Mitarbeiter der Schülerzeitung mit der schuleigenen halbdigitialen Sony Mavica Kamera Bilder machen durfte. Das Gerät kam mir damals unfassbar fortschrittlich vor, es konnte Aufnahmen von bis zu 640×480 Pixel aufnehmen und diese über ein Floppy Disk Laufwerk auf einer 3,5″ Diskette speichern. Man musste die 3,5″ Diskette mit den Bildern nur in das Diskettenlaufwerk seines Vobis PCs schieben und konnte die Bilder auf seine 2 GB Festplatte übertragen. So ein High-Tech war für uns Schüler damals natürlich nicht erschwinglich, rechtzeitig zur Abi-Party besorgte sich ein Freund von mir jedoch eine qualitativ nicht ganz so hochwertige Digitalkamera zum Schnäppchenpreis. Wir knippsten mehr als hundert Bilder, es mussten ja keine teuren Filme mehr entwickelt werden. Die Bilder von der Abi Party tauchen gelegentlich bei uns im Bekanntenkreis  auf. Einerseits dokumentieren sie die Ereignisse der Nacht, andererseits überzeugen sie durch ihre künstlerische Qualität. Gesichter sind beispielsweise alle in einheitlichem kalkweiß zu bestaunen, es sei denn man kämpfte noch mit postpubertären Hautunreinheiten, die die Fotos in ampelrot ausweisen. Wegen der grellen, entlarvenden Farbsprache wird der Fotoapparat heute ehrfürchtig nur noch „Kamera des Grauens“ genannt.

An die Kamera des Grauens musste ich denken, als ich die Arbeiten von Jon Feinstein entdeckte. Auch sie beschönigen nichts, vielmehr stellen sie Mängel heraus. Lediglich das Objekt ist nicht das jugendliche Selbst meiner Abschlussklasse, sondern Fast Food in gängiger Form. Das einfache Ablichten ist Gegenentwurf zum Photoshopping, uns wird vor Augen geführt,mit welchen Makeln wir bei industriell produziertem Essen leben müssen.

Das weitere Schicksal der fotografierten Objekte von Jon ist mir nicht bekannt, zumindest aber hat die Verbreitung im Netz funktioniert. Bei den Bildern der Kamera des Grauens verhält es sich genau umgekehrt. Wobei, jetzt habe ich ja diesen Blog…
Fast Food (3)

© by Jon Feinstein

Fast Food (2)

© by Jon Feinstein

Fast Food (1)

© by Jon Feinstein

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