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Archiv für den Monat April 2013

Traumata der eigene Kindheit zu dechiffrieren kann im wahrsten Sinne des Wortes ent-täuschend sein. Ob der Erkenntnisgewinn durch professionelle Aufarbeitung lohnt, muss jeder für sich selbst entscheiden. Eines steht jedoch fest: Kinderprobleme sehen durch die Erwachsenenbrille häufig wesentlich amüsanter aus, als sie für die Betroffenen im Augenblick sind.

Wenn es die Eltern in jungen Jahren nicht erlauben, dass man sein Lieblingsshirt den fünften Tag in Folge trägt und einem der Spaß versagt bleibt, mithilfe der Bratensauce die Wohnung neu zu gestalten, schlägt das natürlich auf die Laune. Später sind es andere Gründe, die den Stimmungspegel senken.

Mich nervte beispielsweise, immer selbstgestrickte Pullover tragen zu müssen, während die Klassenkameraden in coolen Knight Rider Sweatshirts den Schulhof unsicher machten. Später verordnete ich mir eine totes-Tier-freie Diät, innerhalb derer ich mich natürlich extrem über Gulasch, Schnitzel und Erbsensuppe mit Speck freute.

Viele Jahre später schienen all diese Sorgen weit weg, bis ich unlängst bei einem gedankenverlorenem Spaziergang durchs Internet über Stephanie Casper stolperte. Posttraumatische Angstzustände kulminierten bei dem Anblick von gestricktem Fleisch. Erst nachdem ich mich aus der Schockstarre befreien konnte, kam mir die Idee einer angemessenen Bewältigungsstrategie: Eine Behandlung auf diesem Blog:-)

Doch wie schön ist das Internet: hier kann meine Konfrontationstherapie zu Eurer Unterhaltung beitragen. In dem Sinne: Viel Spaß mit Stephanies gestricktem Fleisch!

 

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Bei Dennis Wojtkiewicz Bildern musste ich an „2001 – Odyssee im Weltraum“ denken. Vielleicht ist es das rötliche Rund der Blutorange, das mich an das Kameraauge von HAL 9000 erinnert. Eventuell sind es die grünlich-bläulich schimmernden, saftgefüllten kleinen Säckchen der Limette, die genauso orientierungslos im dunklen Raum stehen wie Kubricks Mondstation Clavius. Möglicherweise ist es die mystische Ausstrahlung, die etwas so profanes wie ein schwarzer Monolith oder eben eine halbe Orangenscheibe entwickeln kann.

Falls Ihr Stanley Kubricks Sci-Fi Klassiker noch nicht kennt, kann ich ein kleines Screening nur empfehlen. Das setzt jedoch voraus, dass Euch nicht-lineare Plots nicht abschrecken und Ihr über  Sitzfleisch verfügt. Als Belohnung lässt einen der Film beeindruckt, wenn auch leicht ratlos, zurück. Damit schließt sich der Kreis zu Dennis Wojtkiewicz Bildern.

 

Vor einer Weile erklärte mir ein Kollege, wie großartig das Zeitalter sein wird, in dem jeder Mensch in seinem Haushalt über einen 3D-Drucker verfügt. Ich gebe zu, mir fehlt noch ein wenig die Vorstellungskraft, inwiefern sich mein Leben durch die private Anschaffung eines 3D Druckers verändern soll.

Einerseits kann ich mir nicht vorstellen, dass die Technik es in den nächsten 5 Jahren erlaubt, mir meinen Ersatzschlüssel, eine neue Fahrradkette oder zerbrochenes Porzellan in vernünftiger Qualität nachzudrucken. Andererseits bin ich einfach zu wenig Produktdesigner und Künstler, als dass ich in den Invest gehe, um mir täglich 1-2 neue Lampen und ein paar Deko-Plastiken auszudrucken.

Einen interessanten, neuen Ansatzpunkt sehe ich bei Janne Kytannen. Sie druckt Essen aus. Das ist zumindest als Gedankenexperiment interessant, denn auch hier ist die Frage, wie nah die „Zukunft“ des „Essen Ausdruckens“ tatsächlich ist. An Fragenkomplexe, die sich um Ethik und Gesundheit drehen, denke ich noch gar nicht – dafür finde ich das Thema einfach zu weit weg.

Am Ende des Tages für mich (noch) ein lustiges Thema aus der Sci-Fi Ecke, das aber dank der tollen Interpretation von Janne Kytannen ein Gesicht bekommt.

(Soweit ich das aus meiner Korrespondenz mit den Rechteinhabern der Bilder herauslesen konnte, wurden die Bilder für die 3D Systems Corporation aufgenommen.)

3d printed Pasta

© by Janne Kytannen/Freedom of Creation/3D Systems Corporation

3d printed Pasta

© by Janne Kytannen/Freedom of Creation/3D Systems Corporation

 

 

 

Was macht Ihr mit den lästigen Kernen in Äpfeln? Mühsam entfernen, das ist klar, und dann? Wegwerfen? Pah, elendige Verschwender!

So ein unangemessen großzügiger Umgang mit natürlichen Ressourcen liegt Hasan Kale fern. Doch anstelle die Diasporen (sic!) in Speisen mitzuverarbeiten, als Kaugummiersatz einzuwerfen oder daraus Munition für Spuckröhrchen herzustellen verwendet er die unbeliebten, kleinen Samen als Leinwand, auf der er seine Micro Art anbringt.

Gehen die Äpfel aus, verwendet der Bewohner Istanbuls Bandnudeln oder Steine aus Oliven, die nach seiner Bearbeitung größtenteils Motive seiner eurasischen Heimatstadt zieren.
Bemalter Kern aus Apfel

© by Hasan Kale

Bemalte Bandnudel

© by Hasan Kale

Bemalter Olivenstein

© by Hasan Kale

Essen und Morbidität gehen nicht nur Hand in Hand, wenn sich Schimmelkulturen auf zu lange gelagerten Lebensmitteln breit machen und ausgiebig darüber nachgedacht wird, wo denn jetzt genau das Steak herkommt, was auf dem Teller neben den Salatblättchen und dem frittierten Wurzelgemüse liegt.

Dirk Staschkes Arbeiten zeigen Lebensmittel, die nicht verderben und auch nicht tierischen Ursprungs sind. Dennoch liegt in ihrer pastellfarbenen Blässe eine Morbidität, die nicht appetitlich ist. In Keramik gefertigt, vermitteln die stilisierten Lebensmittel Vornehmlichkeit, es sei denn Dirk greift zur Glanzlackierung, mit der Schüchternheit zur Vulgarität transformiert und das Konzept kunstvoll kippt.

Kleines Quiz: Was haben die Produkte von 3M, BMW, BASF, American Apparel, Jeep, Lufthansa, McDonalds, Mitsubishi, Evian, Fendi, Intel, Bayer, Kartell, Knoll und Blaupunkt gemeinsam? Ist es die Liebe der Anbieter zum Kundenservice? Ich bin mir nicht sicher. Wie schaut es mit altruistischen Motiven aus? Ich zweifle noch.

Auflösung: Alle Produkte werden mit Logos verkauft, die die Schrift Helvetica ziert.

Grafiker bewundern die Charakterstärke der Helvetica, die bei der ähnlichen Arial Schrift gerne vermisst wird. Beherzt diskutieren sie, wie kreativ der Einsatz der Schrift heute noch sein kann. Derweil präsentiere ich jemanden, der für sich eine Lösung gefunden hat.

Nina Harcus verwendet in ihren Arbeiten zahlreiche Schriften, die sie jedoch nicht mit Druckerschwärze auf weiße Bögen aus Zellulosefasern appliziert, sondern mit Lebensmitteln auf Lebensmittel oder lebensmittelnahe Träger stäubt, legt und quetscht.

Die Künstlerin erstellte die unten zu sehenden Arbeiten für ein Kochbuch, dem zumindest eines nicht blüht: Eine Aufnahme in die obige Liste.
Quote Flour

© by Nina Harcus

Quote Pie

© by Nina Harcus

Quote Icing

© by Nina Harcus

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