Hangzhou, China: 10 Euro für eine Tasse Tee.

Anlässlich seines längeren Aufenthalts in Cork/Irland ruft der Metabolist zur Teilnahme an einer Blog-Parade auf, die sich allgemein mit Reisen beschäftigt. Ich nehme das zum Anlass, von einer Episode meines halbjährigen Aufenthalts in China zu erzählen.

Die meiste Zeit verbrachte ich in Peking und Shanghai, am Wochenende zog es mich häufig in schnell erreichbare Ecken im Umland. Mal brachten mich die ICE Klone zu den Shaolin Mönchen in Dengfeng, mal ins vermeintliche „Venedig des Ostens“ Suzhou.

Doch nicht an jenem Frühlingstage, an dem das verschlafene Dörfchen Hangzhou mit seinen possierlichen 7 Millionen Einwohnern erkundet wurde. Marco Polo bezeichnete die Stadt im 13. Jahrhundert als „schönste und großartigste Stadt der Welt“.

Hangzhou: der Westlake
Auch wenn der melancholische Schlechtwetter-Schleier auf dem Bild es dementiert, der Westlake gehört nicht ohne Grund zum UNESCO Weltkulturerbe. In den vielen Fertigungshallen der Stadt wird gleichzeitig an der Verteidigung des chinesischen Titels „Fabrik der Welt“ gearbeitet.
Hangzhou: Pagoda
Hangzhou ist ein Eldorado für Fans von den geschwungenen, fliehenden Pagodendächern. Der gemeine Tourist findet sie in mehrstöckigen, massiven Pagoden verbaut (oben) oder als Abdeckung von filigranen Sommer-Sonnenunterschlüpfen (unten).
Hangzhou: Pagoda Hideaway
Da wir in erster Linie zur Zelebrierung von Traurigkeit kamen, passte uns der permanente Dauerregen super in den Kram. Spaß beiseite: Das Wetter war das Letzte, aber trotzdem lohnte der Ausflug – vor allem jetzt beim Bilder betrachten. Wie heißt es so schön bei der Hamburger Schule „Im Blick zurück entstehen die Dinge“
Hangzhou: Die Auswahl
Nach intensivem Pagodenhopping empfiehlt es sich, den Magen zu füllen. Als kulinarisch interessierter Menschen kann der Weg nur in ein authentisches, chinesisches Lokal führen. Ganz wichtig: NUR, aber NUR dort essen die Einheimischen. Dumm nur, wenn keiner aus der Reisegruppe chinesisch spricht und man gezwungen ist, das Mahl per zufälligem Fingerzeig zu wählen (siehe oben).
Hangzhou: Lecker Zupp
Ich stelle mir vor, was ausländische Touristen in Deutschland empfinden, wenn sie zum ersten Mal Harzer Handkäse riechen, Schweinskopfsülze lutschen und über Hauptbestandteile von Flönz nachdenken. Niemand sollte eine kulinarisch-imperialistische Denkweise entwickeln – auch nicht bei dieser Suppe.
Hangzhou: Lecker Fisch
Diese Fische waren nicht sooo schlecht. Die Köpfe habe ich zwar nicht probiert, aber der Rest war, gemessen an den anderen Speisen, genießbar.
Bis zum Ende meiner Zeit in China pflegte ich ein ambivalentes Verhältnis zu dem in diesem Gericht verarbeiteten Sichuanpfeffer. Einerseits mochte ich die prickelnd betäubende Wirkung, gleichzeitig führte die Schärfe häufig zu Unwohlsein. Sichuanpfeffer war übrigens bis 2005 in den USA verboten und ist nicht mit dem schwarzen Pfeffer verwandt.
Hangzhou: Lecker Bouillabaisse
Das war der Gipfel der Skurrilität Authentizität: Eine opake, dünnflüssige Suppe, in der ein toter Fisch lag. Das schuppige Wirbeltier zerfiel direkt beim Versuch, es mit den Stäbchen aufzunehmen. Wir verließen das Lokal mit hungrigem Magen und schlechtem Gewissen.

Hangzhou: Bier

Zur Verarbeitung des Erlebten verließen wir uns auf eines der ältesten Rezepte zur Stressbewältigung: orale Zufuhr von Alkohol. In einer bodenständigen Kaschemme genehmigten wir uns píjiǔ, Flüssigbrot zu Deutsch. Als gesundheitsbewusster Mensch entscheidet man sich natürlich für Siwo, das Bier ohne Formaldehyd, also Methanol.

Hangzhou: 10 Euro für ne Tasse heißes Wasser

Auf den Teeplantagen um Hangzhou wird Lóngjǐngchá angebaut, der geröstete und nicht fermentierte Drachenbrunnentee. Die Tasse heißes Wasser auf dem Bild kostete mich umgerechnet 10 Euro, was durch die ähnliche Größe der zarten Blätter und deren uniforme Farbe begründet wird. Falls ihr also mal auf der Suche nach Premium Drachenbrunnentee sein solltet, achtet auf die ähnliche Größe der zarten Blätter und deren uniforme Farbe.

Hangzhou: Achtung! Geschmolzener Schnee auf kaputter Brücke!

Der obligatorische Abbinder zu jedem China-Reisebericht: Ein Hinweisschild mit bizarrer Botschaft.

Koffer packen, fertig, los.

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15 Kommentare
  1. Da bedanke ich mich doch recht herzlich für deinen Bericht! Und besonders die Bilder vom Tempel sehen grade wegen des fahlgrauen Himmels sehr atmosphärisch aus!

    …und ich habe jetzt ein wenig Angst, denn ich bin morgen zum koreanischen Essen eingeladen (was natürlich NICHT das gleiche wie chinesisch ist, I know), denn was ich bis dato so hörte, war teilweise ebenso für den europäischen Gaumen ein wenig…ungewohnt. Ich bin gespannt!

    • Ich finds eigentlich auch ganz cool!

      Es wird sicher super gewesen sein.., oder? ich hätte eher Angst vor dem Irischen Essen.. da gibts doch bestimmt auch Haggis!:-)

  2. Zypresse sagte:

    uihuihui – wie tapfer – und da hast Du wirklich etwas gegessen? Sehr speziell. Irgendwie bin ich bei China, das ich eh nur aus touristischen Gründen besuchen könnte, recht zwiespältig. Das aus ganz verschiedenen Gründen: die Fremdheit, die ganz andere Kultur, die politische Situation – und, ja auch das Essen.
    Dennoch, in Deinem Beitrag passt alles: Text und Sprache, die Melancholie der Pagoden, die Essensfotos und auch der Abschluss!

    • Ein bisschen probieren muss man!;-)
      Kann die Vorbehalte verstehen, das Land hat aber auch viel zu bieten.. ich werde mich sicherlich nochmal dorthin auf den Weg machen.
      Vielen herzlichen Dank für das Lob!

  3. MaoMao sagte:

    Hangzhou ist einer meiner Lieblingstädte in China und beim Lesen musste ich kräftig Lachen. Fand deine Beschreibung einfach Klasse. Statt aus der Karte was zufällig zu wählen, wäre die Variante zu schauen was an den Nachbartischen gegessen wird, sicher auch nicht schlecht gewesen. So aber hattest du wirklich was Spezielles zum Essen.

    Lg Thomas

    • Hi Thomas, unsere Köpfe waren von dem Regen so durchgeweicht, dass wir auf diese zugegebenermaßen einfache und effektive Idee nicht gekommen sind! Beim nächsten Mal in China werde ich daran denken:-) Bis dahin bleibts ne unterhaltsame Geschichte.. danke fürs Kompliment!

      • MaoMao sagte:

        Mein Frau hat auch ganz herzlich darüber gelacht, als ich ihr die Bilder gezeigt habe.

  4. That’s a pity I don’t speak German. But I have to say : photos are beautiful, I could absolutely feel the spirit looking at them)))

    • thanks a lot.. try the google chrome browser, it has a pre-installed translator. grammar is poor after the automatic translation, but usually you still get the point. other alternative: translate.google.com

      thanks for the compliment. after the rainy trip at least i got some moody pictures out of it. but when i look at your site, it think the next trip will be to Bathsheba:-)

  5. beaconinthetown sagte:

    Schöner Bericht! Schöne Fotos! Ich mag Hangzhou auch sehr gern. Habe mich 2001 verliebt in die Stadt. Leider hat sich in den letzten 10 Jahren auch so viel verändert und nun ist es mir manchmal ein bisschen zu versnobt dort – das teure Wochenenddomizil der Shanghaier…Aber ich kann nicht leugnen, wie wunderschön der Westsee sein kann. Nun bin ich bald fertig mit dem Sinologiestudium, hat also wohl bleibenden Eindruck hinterlassen. Und das hat auch das Problem der merkwürdigen Essensbestellungen und kryptischen Beschilderung gelöst 🙂

    • Interessant, Hangzhou als Sylt des Shanghaiers kannte ich nicht. Bin ein wenig neidisch ob Deines längeren Aufenthalts in Zhongguo, hätte schon Lust, ein paar Ecken wiederzusehen und vor allem das nachzuholen, was ich beim letzten Mal nicht geschafft habe. Guilin ist bspw. auf der Liste. Und Wulumuqi ist bestimmt auch toll. Hatte ich damals zugunsten von einem Tibet Trip nicht gemacht – das war aber auch ok;-)

  6. Die gleichen Essenserfahrungen habe ich auf meiner Asienreise auch gemacht. Wunderbares Essen in Thailand und Vietnam aber sobald chinesischer Einfluss dazu kommt wie z.B. in Malaysia kann es einem ganz schön den Magen umdrehen…

    Ein Mitreisender fragte mich mal ob es wohl daran liegt, dass die Chinesen so viele sind und deswegen vom Huhn auch die Beine und von der Kuh die Augen essen müssen da sie sonst nicht alle satt werden würden… 😉

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