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Archiv für den Monat Februar 2013

Was passiert, wenn man jedem die Möglichkeit gibt, ein Künstler zu werden? Ja, was passiert, wenn die Produktionsmittel demokratisiert werden? Wer solche Fragen heute noch stellt, sitzt entweder seit 50 Jahren in Isolationshaft oder studiert Medienwissenschaften.

Wenn die beste Antwort auf obige Fragen „WordPress“ lautet, lautet die besteste wohl „Instagram“. Selten wurde es der Erika Mustermann von nebenan so einfach gemacht, sich künstlerisch zu betätigen und sich mit den Ergebnissen an die Öffentlichkeit zu wenden.

Die logische Konsequenz sind bis obenhin vollgestopfte Serverfarmen voller Schrott. Glücklicherweise hat das Web Strategien entwickelt, die Spreu von dem Weizen zu trennen. Eine davon heißt „de bello culinario“:-)

Spaß beiseite, zwischen den Unmengen an unnötigen Profilen finden sich immer wieder auch echte Knaller. Eines davon gehört dem Designer David Schwen. Heute präsentiere ich Euch ein paar Beispiele seiner pointierten Arbeiten, ich empfehle jedoch den Klick auf eine seiner vielen Präsenzen im Netz.

Beispiel 1: Marshall McLuhan würde sagen „The Medium is the Message“, der bodenständige Analyst von nebenan würde sagen „David schneidet aus einem Kräcker das Instagram-App Logo, fotgrafiert es und teilt es auf Instagram“
 Beispiel 2: Das ultimative Druckmittel für Smartphones, um die Kontrolle über ihre Besitzer zu erlagen: die rote „ungelesen“-Flag. Das Ende ist nah!

Beispiel 3: Während mit Gewürzhalftern bewaffnete Hobbyköche versuchen süß und salzig in Einklang zu bringen, liegt hier bereits der materialisierte Traumzustand vor. Ein Gedicht in Lebensmittelfarbe!

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Mitte des letzten Jahrtausends waren Gewürze jeder Art bekannterweise das Äquivalent zu heutigen Luxusgütern wie Piemonttrüffeln oder Champagner aus Grand-Cru Lage. Man muss sich das tatsächlich so vorstellen, dass die vornehmen Burgfräulleins bei ihren Flaniergängen um den Hals Amulette trugen, in denen bspw. Muskatnüsse steckten. Ließen sich die Damen zum Mahle nieder, zückten sie dann die Muskatnuss und rieben etwas über die Speisen. So verwöhnten sie sich mit dem ultimativen Genuss und instrumentalisierten die arme Gewürznuss als Statussymbol à la „Schau her, hier bin ich mit meiner teuren Muskatnuss. Kannst Du Dir auch so eine teure Muskatnuss leisten?!“

Salz kam damals nicht weit hinter Muskatnuss und so passt in mein Bild des noblen Burgfräulleins auch die verschwenderische Verarbeitung von Salz zu einer Schale. Nun leben wir heute nicht mehr im Mittelalter und deswegen sind die Arbeiten von Corinne Muller und Piotr Oleszkowicz nicht mehr größenwahnsinnig, dafür aber definitiv nett anzusehen.

Neben dem dekorativen Aspekt haben Salzinterpretationen von Corinne und Piotr den Vorteil, dass sie praktisch sind. Denn gehen die Salzvorräte mal aus, lässt sich einfach die Salzschale ins Nudelwasser raspeln. Ob das dann aber noch als „spätrömische Dekadenz“ durchgeht, gilt es mit Herrn Dr. Westerwelle abzukaspern.

Teelichttülle aus Salz

© by Corinne Muller & Piotr Oleszkowicz

Salzschüssel aus Salz

© by Corinne Muller & Piotr Oleszkowicz

Eierbecher aus Salz

© by Corinne Muller & Piotr Oleszkowicz

Anlässlich seines längeren Aufenthalts in Cork/Irland ruft der Metabolist zur Teilnahme an einer Blog-Parade auf, die sich allgemein mit Reisen beschäftigt. Ich nehme das zum Anlass, von einer Episode meines halbjährigen Aufenthalts in China zu erzählen.

Die meiste Zeit verbrachte ich in Peking und Shanghai, am Wochenende zog es mich häufig in schnell erreichbare Ecken im Umland. Mal brachten mich die ICE Klone zu den Shaolin Mönchen in Dengfeng, mal ins vermeintliche „Venedig des Ostens“ Suzhou.

Doch nicht an jenem Frühlingstage, an dem das verschlafene Dörfchen Hangzhou mit seinen possierlichen 7 Millionen Einwohnern erkundet wurde. Marco Polo bezeichnete die Stadt im 13. Jahrhundert als „schönste und großartigste Stadt der Welt“.

Hangzhou: der Westlake
Auch wenn der melancholische Schlechtwetter-Schleier auf dem Bild es dementiert, der Westlake gehört nicht ohne Grund zum UNESCO Weltkulturerbe. In den vielen Fertigungshallen der Stadt wird gleichzeitig an der Verteidigung des chinesischen Titels „Fabrik der Welt“ gearbeitet.
Hangzhou: Pagoda
Hangzhou ist ein Eldorado für Fans von den geschwungenen, fliehenden Pagodendächern. Der gemeine Tourist findet sie in mehrstöckigen, massiven Pagoden verbaut (oben) oder als Abdeckung von filigranen Sommer-Sonnenunterschlüpfen (unten).
Hangzhou: Pagoda Hideaway
Da wir in erster Linie zur Zelebrierung von Traurigkeit kamen, passte uns der permanente Dauerregen super in den Kram. Spaß beiseite: Das Wetter war das Letzte, aber trotzdem lohnte der Ausflug – vor allem jetzt beim Bilder betrachten. Wie heißt es so schön bei der Hamburger Schule „Im Blick zurück entstehen die Dinge“
Hangzhou: Die Auswahl
Nach intensivem Pagodenhopping empfiehlt es sich, den Magen zu füllen. Als kulinarisch interessierter Menschen kann der Weg nur in ein authentisches, chinesisches Lokal führen. Ganz wichtig: NUR, aber NUR dort essen die Einheimischen. Dumm nur, wenn keiner aus der Reisegruppe chinesisch spricht und man gezwungen ist, das Mahl per zufälligem Fingerzeig zu wählen (siehe oben).
Hangzhou: Lecker Zupp
Ich stelle mir vor, was ausländische Touristen in Deutschland empfinden, wenn sie zum ersten Mal Harzer Handkäse riechen, Schweinskopfsülze lutschen und über Hauptbestandteile von Flönz nachdenken. Niemand sollte eine kulinarisch-imperialistische Denkweise entwickeln – auch nicht bei dieser Suppe.
Hangzhou: Lecker Fisch
Diese Fische waren nicht sooo schlecht. Die Köpfe habe ich zwar nicht probiert, aber der Rest war, gemessen an den anderen Speisen, genießbar.
Bis zum Ende meiner Zeit in China pflegte ich ein ambivalentes Verhältnis zu dem in diesem Gericht verarbeiteten Sichuanpfeffer. Einerseits mochte ich die prickelnd betäubende Wirkung, gleichzeitig führte die Schärfe häufig zu Unwohlsein. Sichuanpfeffer war übrigens bis 2005 in den USA verboten und ist nicht mit dem schwarzen Pfeffer verwandt.
Hangzhou: Lecker Bouillabaisse
Das war der Gipfel der Skurrilität Authentizität: Eine opake, dünnflüssige Suppe, in der ein toter Fisch lag. Das schuppige Wirbeltier zerfiel direkt beim Versuch, es mit den Stäbchen aufzunehmen. Wir verließen das Lokal mit hungrigem Magen und schlechtem Gewissen.

Hangzhou: Bier

Zur Verarbeitung des Erlebten verließen wir uns auf eines der ältesten Rezepte zur Stressbewältigung: orale Zufuhr von Alkohol. In einer bodenständigen Kaschemme genehmigten wir uns píjiǔ, Flüssigbrot zu Deutsch. Als gesundheitsbewusster Mensch entscheidet man sich natürlich für Siwo, das Bier ohne Formaldehyd, also Methanol.

Hangzhou: 10 Euro für ne Tasse heißes Wasser

Auf den Teeplantagen um Hangzhou wird Lóngjǐngchá angebaut, der geröstete und nicht fermentierte Drachenbrunnentee. Die Tasse heißes Wasser auf dem Bild kostete mich umgerechnet 10 Euro, was durch die ähnliche Größe der zarten Blätter und deren uniforme Farbe begründet wird. Falls ihr also mal auf der Suche nach Premium Drachenbrunnentee sein solltet, achtet auf die ähnliche Größe der zarten Blätter und deren uniforme Farbe.

Hangzhou: Achtung! Geschmolzener Schnee auf kaputter Brücke!

Der obligatorische Abbinder zu jedem China-Reisebericht: Ein Hinweisschild mit bizarrer Botschaft.

Koffer packen, fertig, los.

Für mich sind Bananen die Snickers des kleinen Mannes. Genauso wie Snickers schmecken sie zwar nicht besonders, machen dafür aber satt. Eine weitere Ähnlichkeit zum fett- und kalorienmäßig bei weitem überlegenen Schokoriegel liegt bei den Bananen darin, dass keine weitere Zubereitung nötig ist, sieht man von der Entnahme aus der „Verpackung“ ab. Im direkten Vergleich verliert die Banane trotz günstigerer Nährwerte: zu wenig Erdnüsse, zu wenig Schokolade, zu wenig Karamell.

Was man mit Bananen neben dem Verzehr noch anstellen kann, weiß Jun Gil Park. Ich kann mir vorstellen, dass sich die aufwändigen Kunstwerke mit einer gewissen Reifezeit auf spannende Weise verändern. Leider hat Jun das noch nicht ausreichend dokumentiert. Ihr könnt das ja mal nachholen.

Pommes mit Ketchup, alternativ ’n fettiger Hamburger. Wer sich schon beim Lesen dieser Menüvorschläge um seinen Cholesterinspiegel sorgt, sollte vorsichtig sein. Denn die nachfolgenden drei Bilder von Tjalf Sparnaay zeigen Junkfood als das was es ist: Leider-geil Fettbomben als Kontrastprogramm zur Slowfood Bewegung.

Handwerklich sind die Arbeiten schlichtweg beeindruckend. Die photorealistische Darstellung offenbart jedoch, warum diese Art von Fett-und-Fleisch Küche in gängigen Ernährungspyramiden seltenst Aufgriff findet. Wer sich davon nicht abschrecken lässt, sollte bei Tjalf  vorbeisurfen und sich fragen, ob es sich bei den Gemälden nicht vielleicht doch um Fotoaufnahmen handelt.
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