Mailand dürfte mit Da Vincis letztem Abendmahl als zentrale Pilgerstätte der Wallfahrtsort für Food Art Fans sein. Für meinen noch jungen Blog ist das letzte Abendmahl natürlich viel zu endgültig, außerdem braucht das Internet aktuell wohl andere Dinge dringender als ein neues Abbild des Gemäldes aus der Renaissance. Nur deswegen und nicht etwa, weil die Tickets schon Monate im voraus ausgebucht sind, habe ich mir den Besuch im Kloster Santa Maria della Grazie, wo das Wandbild zu sehen ist, gespart.
Zum Glück ist Mailand nicht nur die auf Pomp und Glamour gekämmte Modehauptstadt, sondern auch eine lebendige Metropole, die an manchen Ecken überraschenderweise eher an Berlin erinnert, als an eine Kulisse für Fashionweeks. Altruistisch wie ich bin, habe ich mich für Euch von den Sights über Hipsterviertel hin zu unwahrscheinlichen Spots bewegt, um Mailands Liebe zum Essen zu untersuchen.
All das konnte ich erleben, weil der chinesische Teeproduzent Tasly so nett war, mich dazu einzuladen. Als ausgewiesener Tee-Connoisseur erwies ich mich als die richtige Wahl – mein hartes, aber faires Urteil findet ihr unter dem entsprechenden Bild, genauso wie die Kommentare zu meinen sonstigen Schnappschüssen.
Nicht nur ich weiß, dass man den Mailänder Dom am besten vom Museo del Novecento aus fotografiert.

Nicht nur ich weiß, dass man den Mailänder Dom am besten vom Museo del Novecento aus fotografiert.

Luini Milano

Das klassische Mailänder Street Food heißt „Panzerotti“, kleine Calzone Pizze mit etwas fluffigerem Teig. Wer alles richtig macht, kauft diese materialisierten Plädoyers für geschmolzenen Käse bei der Kultadresse Luini (und isst sie direkt auf der Straße davor)

Eataly Milan

Ohne Rolltreppen keine Competition! Eataly ist soetwas wie die Foodie-Variante des KaDeWes. Auf mehreren Ebenen findet der Spezialitätenhunter hier alles, was sein essensfixiertes Herz begehrt. Die Ränder säumt ein Bistrostreifen, der den unerträglichen Geräuschpegel durch gutes Essen kompensiert.

Bere Buona Birra Milan

Wer immernoch glaubt, mit Wohnsitz im Bundesgebiet lebe man im Bierzentrum der Welt, muss sich Fragen gefallen lassen. Grund hierfür sind Craft-Beer Bar/Shop Konzepte wie das von Biere buona Birra, wo man in Café Atmosphäre in Fachzeitschriften blättern, die anderen Besucher mustern oder einfach spannende, hochwertige Biere in Manufakturqualität probieren kann (Auf dem Bild zu sehen übrigens ein Kölsch, etwa 40 km von Mailand entfernt gebraut).

Tasly Deepure Pu-Erh

Ähnlich altruistisch motiviert wie ich (s.o.) gab mir Gastgeber Tasly seinen neuen „Deepure“-Tee aus. Aus einer Ur-Form des Teestrauchs wird ein sich selbst auflösendes Pulver hergestellt, ähnlich wie bei dem Matcha Tee. Der nussig-harzige Geschmack stimmt absolut, spannenderweise differiert er erheblich von typischen Tees. Das angeblich sogar gesundheitsfördernde Tee-Pulver ist noch nicht im Handel, insofern erteile ich den Kaufbefehl zu einem späteren Zeitpunkt noch:-)

PECK Milan

PECK heißt die altehrwürdige Adresse für Feinkost und Normalkost zu Feinkostpreisen. Den bislang teuersten Pfirsich meines Lebens erstand ich hier für 4,34 €. Ich war maßlos enttäuscht, denn er schmeckte höchstens nach 3,68 €. Wer sich hier das Verwirrspiel um Zahlungskarten, Bons und Abholstationen nach dem Bezahlen ausgedacht hat, gehört bestraft. Dennoch, bzw. auch ein wenig deswegen ist der Laden ein echtes Erlebnis.

Fondazione Prada

Straßenverkäufer liefern mit Selfiesticks vor dem Flagship Store Pradas in der protzig-schönen Galleria Vittorio das nötige Equipment für den neuen Touri-Massensport. In einer abgelegenen Ecke seiner Heimatstadt gönnt sich das Modelabel zusätzlich einen jungen, hippen, in seiner Funktion nur schwer fassbaren Campus. Fondazione Prada heißt das Cluster zwischen Ausstellungsort, Kino, Hangout und der vom Regisseur Wes Anderson gestalteten Bar Luce. Selfiesticks müssen hierhin jedoch selbst mitgebracht werden.

 

Lambiczoon

Keine Frage, das IPA ist wohl nach wie vor der beliebteste Craft-Beer Stil. Umso erstaunlicher, dass sich die stylishe Craft-Beer Bar Lambiczoon nach dem doch noch eher nischigem Lambic benannt hat. Man beschränkt sich hier jedoch nicht auf die spontanvergorene belgische Spezialität: Hier trank ich die zweite italienische Interpretation des Kölsch Braustils zu einem kleinen Burger, der mit Ardbeg Whisky flavoured Mayo und „tuscan cigar smoked bacon“ vollends überzeugte.

Bianchi Milan

Wie auch Prada gönnt sich der Radhersteller Bianchi in seinem Heimatort eine besondere Extravaganz. Sherlock Holmes’sche Qualitäten muss der Besucher mitbringen, der erraten möchte, dass es sich hier um ein Fahrradgeschäft handelt.

Mailand

Entdeckungen am Wegesrand verdichten das Gewebe der Erinnerung an den Kurzaufenthalt

Tyrannosaurus Milan

Selbst die letzten noch lebenden Dinosaurier Mailands flüchteten, als die Foodblogger-Phalanx über die Straßen pflügte.

Streetart Milan

Noch Fragen?

In einem separatem Post werde ich Euch noch ein paar sachdienliche Hinweise zur Expo 2015 in Milan liefern. Für heute soll es aber reichen mit der Bilderflut.

Erster Eindruck:
Ein kläffender Brauhund, der auf dem Etikett sinnlos Worte aus dem geistig kulturellen Kontext leiht; eine Verpackung, die nach Kundenfang in der Zielgruppe „Alcopop“ ausschaut; eine Beschreibung auf der Website, die nur von Besoffenen verfasst worden sein kann; dazu noch der Geruch von Dosenananas – nein, der erste Eindruck war nicht der Beste.
Das sagt der Geschmack:
Der Geruch von Dosenananas begegnet auch beim ersten Schluck erneut, aber dann passiert noch mehr. Genau genommen passiert dann Grapefruit, reifer Pfirsich und andere fruchtige Aromen, die man diesem nach Aufmerksamkeit geifernden Produkt gar nicht zugetraut hätte. Die deutliche Bitternote, die auch nach dem Abgang bleibt, setzt all der Fruchtigkeit einen sinnvollen Kontrastpunkt und zeigt, zumindest bei den 3 Buchstaben „IPA“ hat man bei der Bedruckung des Etiketts keinen Fehler begangen. Unterm Strich ein spannendes Bier, dem aber auch der Zustand zugute kommt, dass die Erwartungen im Vorfeld nicht allzuhoch geschraubt wurden.
Wenn Du abschweifst…
…sitzt Du in der tropischen Oase und gießt in gleißendem Licht und bei fiebrigen Temperaturen auf die Wüste in Dir das fruchtige Nass. Dem Schluck folgt Zufriedenheit, Ansteigen des Alkoholgehalts im Blut und danach der bitter getünchte Wunsch nach Wiederholung des Ablaufs. „Repitere est mater scientia“ lautet das Motto, weswegen Du fortfährst. Die Sonne erreicht den Zenith, der Alkoholanteil im Blut ebenso und die Zunge erinnert sich mit schwerem Herzen und bitteren Gefühlen an die einst vorbeiziehenden Obstsorten. Du bist jetzt bereit, die Pressetexte für den Brewdog zu schreiben.
Brewdog's Punk IPA
Schon bei Toy Story drehte sich die Handlung um Spielzeug, das den Aufstand probt. Insofern ist die Idee von Samsofy nicht ganz bahnbrechend. Ich denke aber, dass man bei der Sezession der Lego Figuren, die sich von ihrem noppenbestimmten Alltag trennen und sich in einer vielschichtigeren Welt bewegen, ein wenig Aufmerksamkeit spendieren muss.
Überlegt mal, wie das ist, wenn auf einmal nicht mehr 100% der Umgebung aus Kunststoff besteht, sondern nur noch etwa 10%. Absolut klar ist für mich, dass Lego Figuren auch Foodies sind und deswegen ergibt Samsofys Vision auch so viel Sinn. Wer würde nicht auf einem Keks paddeln, sich in das Innere eines Eis bewegen und wieder ausbrechen und sich einem ersten echten Knoblauch-Rausch hingeben?
Die Antwort lautet natürlich: jeder. Und deswegen sollte auch jeder auf der Stelle, ohne Umschweife und mit sofortiger Wirkung (in einem neuen Tab) auf der Künstlerseite weitere Lego-Echtwelt Bilder stalken.

 

Lego Food Art

© by Sofiane SAMLAL a.k.a. samsofy

Lego Food Art

© by Sofiane SAMLAL a.k.a. samsofy

Lego Food Art

© by Sofiane SAMLAL a.k.a. samsofy

Was tun, wenn die Rolex der Maxime des Unterstatements nicht gerecht wird, der Porsche geleast ist und die teuersten Klamotten die kleinsten Labels haben? Wenn sich die Suche nach adäquaten Statussymbolen schwierig gestaltet, benötigt man Alternativen. Nicht nur mir ist aufgefallen, dass immer häufiger Erfahrungen herhalten müssen, um sich von der Masse abzuheben.

Unter Erfahrungen verstehe ich in dem Kontext das Herausgreifen einzelner Ereignisse aus der schier unendlichen Menge an individuell erlebten Rohereignissen, um sie mit anderen zu teilen. Die Verbreitung von Bucket Lists à la „10 Dinge, die man unbedingt erlebt haben muss, bevor man stirbt“, suggerieren sogar, dass Erfahrungen Lebensinhalt produzieren.
Aber wie lässt es sich prahlen mit einem verpatzten ersten Date? Oder einer spannenden Aufsummierung von Alltagsbanalitäten? Schlecht lässt es sich damit prahlen. Wesentlich besser funktionieren vor allem Reisen und Essen. Kulturelle Aufgeschlossenheit bzw. Weltoffenheit, das nötige Kleingeld und vor allem der Anspruch ans eigene, eben vor Erfahrungen berstende Leben kommunizieren sich selten eleganter als unter dem Deckmantel einer Erzählung aus dem Urlaub bzw. vom Restaurantbesuch.
Wenn also alle Rolexe beim Nettwerk verkauft sind, der Leasingvertrag zugunsten einer Carsharing-Mitgliedschaft aufgelöst sind und die Designerkleidung abgetragen ist, gilt es richtige Entscheidungen zu treffen. Zum Glück kennt das Internet den Pfad, der Euch über diese Links zu den großartigen Bea Crespo und Andrea G. Portoles und ihrem Projekt Brunchcity führt.
© by Bea Crespo and Andrea G.Portoles

© by Bea Crespo and Andrea G.Portoles

© by Bea Crespo and Andrea G.Portoles

© by Bea Crespo and Andrea G.Portoles

© by Bea Crespo and Andrea G.Portoles

© by Bea Crespo and Andrea G.Portoles

Ich kann es nicht verhindern. Wenn ich durch einen Pennymarkt schlendere, fällt es mir schwer die Störgefühle zu unterdrücken. Es liegt nicht an der Pseudo-Hipster Edelästhetik des Billigheimers (das wäre allerdings auch ein Grund), sondern an einem Produkt, das dort verkauft wird. Es heißt Duff Beer und ist eine Echt-Welt-Variante des Duff Biers, das man sonst nur aus der Hand von Homer Simpson kennt.

In nerdigen Shops für Jäger von Popkulturdevotionalien hätte mich das Angebot weniger verwundert, vermutlich ein Lächeln abgerungen und vielleicht sogar einen Euro aus der Tasche abgeluchst. Aber bei Penny? Ich kann mir das nur so erklären, dass die Markenrechte mittlerweile so billig sind, dass sich irgendein Oettinger oder 5,0 Bierproduzent denkt „Cool, eine witzige Marke für ’n Appel und ’n Ei – das steigert meine Verkäufe um ein paar Prozent“. Das ganz große Thema sind die Simpsons ja eigentlich nicht mehr.

Den nachfolgenden fiktionalen Food-Produkten von Joshua Budich bin ich noch nicht im Penny Markt begegnet und ich vermute, dass sich daran bald auch nichts ändert. Anders als der flächendeckenden Duff-Verfügbarkeit stehe ich Joshuas Arbeiten auch positiver gegenüber. Sie bleiben brav im Mediensystem, wuchern nicht in mein Leben hinein und sind wie alles (außer meine eigenen Bilder), was ich hier so zeige, handwerklich tipp-topp. Wem das unten alles nichts sagt, greift bitte auf folgende Spoiler Links zurück.

Joshua Budich Fictional Food

© by Joshua Budich

Joshua Budich Fictional Food

© by Joshua Budich

Joshua Budich Fictional Food

© by Joshua Budich

Erster Eindruck:

Zwiegespalten. Ein wenig wohlig und privilegiert fühlt man sich mit der Flasche in der Hand, denn der Sud ist limitiert und der Zugang zu ihm erschwert. Die Shareholder der Brewdog Brauerei, dem Firmenlingo entsprechend „Equity Punks“ genannt, erhalten exklusiven Zugriff auf das Bier. Wer sich also nicht per Crowdfunding beteiligt, ist (eigentlich) außen vor. Die künstliche Beschränkung ist zugleich etwas albern: Der Logik folgend wird ein Bier mit künstlichem Seltenheitswert zu einem Statussymbol. Wer damit im Stande ist zu protzen, sollte sich Gedanken über seine peer group machen:-)

Das sagt der Geschmack:

Grapefruit, Mango, Blutorange. Kein Wunder, was einem hier ins Gesicht springt, doppelt die Beigabe der Grapefruit und der Blutorange die doch ohnehin im Hopfen mit angelegten Aromen. Eine lebendige Säure, die im Vergleich zu bspw. einer Gose aber gebändigt, eher maßvoll dosiert ist, gibt dem fruchtigen Eindruck den finalen Schliff, ohne dabei zu vergessen, ein Bier zu sein. Das gleiche gilt für die Bittere: Präsent aber nicht obszön präsent. Leichfüßig, fast schon yogisch fliegend schwebt der Geschmack über den gar nicht mal so leichten 6,7% Alkohol. Der Elvis Juice ist somit ein großer Spaß für distinguierte Gaumen, ich kann ihn mir aber auch gut als „Lernbier“ in der Hand eines „Craft Beer Anfängers“ vorstellen, um das Aromenspiel zu verdeutlichen, was hopfenbetonte Biere veranstalten können.

Wenn Du abschweifst…

…bist Du clever und klaust die Idee. Kippst in Deinen Stout Sud Kaffee, in Dein Helles legst Du Heuballen und Dein Dunkles bekommt eine Lakritzkur. Aromen verstärken, denkst Du Dir, das ist der Weg. Beim Tasting dann das Erwachen: Störgeschmack und fast unangetastete Gläser säumen den Weg zum Abfluss. Deine Kopien sind so wenig Elvis Juice, wie Elvis Presley Imitatoren aus Castrop-Rauxel der echte Elvis. Dir wird langsam bewusst: Selten fällt ein King vom Himmel.

Brewdog Elvis Juice

Brewdog Elvis Juice

Wer von labyrinthischen Wegen durchs Brot spricht, meint wohl das Wirken und Auswirken der Hefe im Teig. Oder er hat einen an der Waffel. Oder schreibt einen Blog. Oder hat einen an der Waffel und schreibt einen Blog. Ok, Schluss damit.

Labyrinthische Wege durch das Brot bedeutet bei Martin Roller: Feines Schnittwerk in der Schnitte. Wäre ich 3 mm groß hätte ich einen Heidenspaß mit dem Brot, aber auch mit 185 cm finde ich das nicht unspannend. Das gilt auch für seine Kritik an unserem Umgang mit der Umwelt. Eine von der Sonne knalleorange gefärbte Apfelsine kann nur ein Sinnbild für die Erderwärmung sein. Die Abschürfungen der Schale ergeben die Umrisse der Kontinente, die prall gefüllten Weltmeere drohen den feinen weißen Pelz zum Zerbersten zu bringen. Ein wahrhaft aufrüttelndes Bild. Oder vielleicht auch einfach die die aus Langeweile und Talent geborene Idee mit der dicken Apfelsinenschale herumzuexperimentieren.

Ich komme nicht drumrum, bei Martin Rollers Arbeiten auf abwegige Gedanken zu kommen, aber auch in ihrer handwerklichen Finesse wissen die Werke zu fesseln. Auch auf Martins Website donnert es nur so vor Kreativgewittern. Ihr kennt das mit der Weiterklickempfehlung.

Orangenwelt

© by Martin Roller

Apfelburger

© by Martin Roller

Brotlabyrinth

© by Martin Roller

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