Wenn sich alljährlich in meiner Nachbarschaft der Kölner Rosenmontagszug aufstellt, lohnen sich die paar Schritte zum Chlodwigplatz. Wagen, Daraufstehende, ihre Kostüme und Betrunkenheitslevel helfen den Stand des lokalen Karnevalsbrauchtums zu eruieren. Aufgeschnappte Gesprächsfetzen und die Gemengelage unterschiedlichster Menschen unterhalten zudem.

Während die Karnevalisten in ihren Veedel und Vororten zurückgekehrt individuelle Definitionen von Fasten leben, fängt der Karneval auf de bello culinario jetzt an. Gemüse, Gewürze und sonstige Geschmacksgeber verkleiden sich heute (wieder) als Klassiker aus der Kunstgeschichte.

Da geht die Melone als Mondrian, Trauben und Reis als Van Gogh und ein mit schwarzem Kaviar gefülltes Rechteck macht schwer auf Malewitsch. Mein absoluter Favorit ist jedoch die Auberginen-Melone als Magritte, die sogar korrekte Lichtreflexionen integriert. Tatiana Shkondina (Facebook) feiert ihren Foodkarneval, auch wenn das Trömmelche mal gerade nicht geht.

Auberginen Mummenschanz

© by Tatiana Shkondina

Melonen Masquerade

© by Tatiana Shkondina

Dali aus Essen

© by Tatiana Shkondina

Die Samtdecke ist nur für den Moment drapiert, nicht plissiert, darauf funkelt das industriell hergestellte Eis in rosa und rot. In ähnlichen Farben wiegt das Himbeerwasser (?) im Flamingoglas in 90er Leonardo Ästhetik, eine herunterlaufende Träne sorgt für “Drama, Baby” und der leicht geöffnete Mund entscheidet sich nicht so recht zwischen lasziv und tumb. Das Aufreizende wird in seinem Nachdruck auf Bild #3 auf die Spitze getrieben: kandierte Kirsche, offener Mund, sich abseihender Tropfen… mehr geht kaum ohne pornografisch zu werden.

Die “Amour Fou” Serie von Emma Hartvig hat durchgängig gerötete Wangen, kann sich nicht entscheiden zwischen Groschenroman-Ästhetik und Ernsthaftigkeit, in der Überästhetisierung entwickelt sich die Spannung. Die gewählten Speisen fügen sich passend ins Konzept. Weder Vienetta-Eis, noch Fruchtpunsch oder Cocktailkirsche lösen mehr Begeisterung aus als ein Toast Hawaii und gerade deshalb funktionieren sie hier so wunderbar.

Emma Hartvig heißt die verantwortliche Künstlerin, der wir dieses Juicy Pleasure zu verdanken haben. Der Seitenbesuch lohnt sich nicht nur, um herauszufinden, was sie alles mit den anderen Farben anstellt.

Emma Hartvig fotografiert Eis

© by Emma Hartvig

Emma Hartvig fotografiert Tränen

© by Emma Hartvig

Emma Hartvig fotografiert Kirsche im Mund

© by Emma Hartvig

Erster Eindruck:
Mit der Kritik des Etiketts ließen sich schon Abschlussarbeiten von Designstudenten füllen. Das amateurhafte Bild, der Photoshopeffekt darauf und die unfassbare Menge an Text zeugen davon, dass die Brauerei keine Budgets an professionelle Werbeagenturen zu verschwendet hat. Das ungewöhnliche Äußere, dazu die opake Flüssigkeit in der Flasche wecken dennoch das Interesse für etwas, was nach Brot und Kombucha riecht und geschmacklich irritiert.

So ist es:
Da röhrt die Fermentierung noch nach, möchte man meinen, wenn man das zwar leichte aber charaktervolle Bier probiert. Ganz präsent ist nämlich die Hefe, deutlich schmecke ich Nelke heraus, was nicht so absonderlich für den Freund des Craftbeers klingt. Ein schwefeliger Geschmack irritiert, Fruchtaromatik spielt sich hintergründig ab. Heruntergeschluckt bleibt ein bitterer Nachhall auf den Hefegrundton. Was bei fortschreitender Leerung klar wird: hier gehts auch um Erde, um Holz und um Waldboden. Grodziskie, die Trüffel des kleinen Mannes.

Wenn Du abschweifst..
..ziehst Du Bilanz. Du kommst von Warsteiner, Becks und Krombacher und hast Dich in die Welt der IPAs und dunklen Trappistenbiere vorgearbeitet. Du kennst jetzt den Geschmack von hellem Malz und dem von dunklem, du schmeckst Centennial Hopfen aus einer Mischung heraus. Du bist kurz davor, Dich sicher zu fühlen, bis Dich Grodziskie trifft und Du nochmal von vorne anfangen musst – finde ich das gut? Ist das eines der spannendsten Biere überhaupt oder ein Braufehler? Du bist etwas verwirrt, aber dafür ganz, wirklich ganz weit weg von der Langeweile.

Grodsziskie

Erster Schluck:

Wer aufgrund der dunklen Farbe denkt, hier bilde das Malz den Dreh- und Angelpunkt, sieht sich aufs Glatteis geführt. Denn alles, was bei der ersten Nase ankommt ist Hefe. Vor dem ersten Schluck schwant Brotigkeit.

Das sagt der Geschmack:

Wenn man die Masse an Weizenbieren unterteilen kann in die, die nach Banane schmecken und die, die nach Nelke schmecken, gehört das Roog definitiv zu der Kategorie der Nelkenbiere. Doch keine Angst, was da im Glas funkelt ist kein Chai Latte und kein Weihnachtsgewürzkuchen. Das Flaschenetikett verspricht Aromen von gebrannten Mandeln, die wohlwollend auch wahrgenommen werden können. Doch die Angelegenheit ist komplexer als gebrannte Mandeln und Nelke. Die Melange schmeckt würzig, rauchig, die Röstmalze sind fast zu stark eingesetzt, ein volles Winterbier, das verwirrt, da es so atypisch schmeckt und nicht ansatzweise so brotig daherkommt wie der erste Eindruck es nahelegte.

Wenn Du abschweifst…

…sitzt Du in der Räucherkammer, schmeißt den Schinken raus, legst eine Lage Buchenholzspäne drauf und streichst das Getreide auf die Darre. Nicht alle archaischen Zubereitungen von Lebensmitteln, so klärt in diesem Augenblick der Rauch, stehen in der Weber Grillbibel.

BraufactuM Roog

Während sich die Mehrheit zum Jahresende um versöhnliche Töne, tröstende Worte und verbindende Elemente bemüht, geht de bello culinario, dem Namen folgend, voll auf Konfrontation.

Heute plädiere ich stark für die Schwarzweiß-Malerei von Anil Akkus, die eigentlich eher eine Schwarz-Weiß Fotografie ist. Ich bin mir zwar nicht ganz sicher, gegen wen hier rebelliert wird, aber vermutlich ist die Zahl derer, die ein Problem mit schwarzen Ananas im Supermarktregal haben, nicht allzu klein. Also Freunde, ich meine Euch!

Ob Anil Akkus auch so konfliktfreudig ist, weiß ich nicht, denn von ihm kenne ich nur seine von Talent, Ausdruckskraft und Fingerspitzengefühl verkündenden Arbeiten, die Ihr auszugsweise unten sehen könnt.

Für all jene, die das Künstlerportfolio auf einer klassischen Website erwarten, habe ich auch noch eine Botschaft: Sein Behance Profil.

Insofern: Euch allen ein brisantes Rest-2014 und ein knackiges 2015!
Schwarze Ananas von Anil Akkus

© by Anil Akkus

Weiße Frucht von Anil Akkus

© by Anil Akkus

Wachteleier von Anil Akkus

© by Anil Akkus

Als Halloween Skeptiker und Food Art Freund befinde ich mich in einem Dilemma. Einerseits sehe ich die aus Irland bzw. den USA importierte Tradition, der eine größer werdende, unreflektierte Begeisterung entgegengebracht wird, andererseits sehe ich die Rolle des Kürbis als Ausgangsbasis für erstaunliche Schnitzkunst, die ich nicht pauschal aburteilen kann.

Ein typisches Beispiel also für unser von Widersprüchen und Spannungsfeldern bestimmtes Leben. Was tun? Man könnte sich auf eine Seite schlagen, müsste aber Meinung dafür opfern. Man könnte sich ewig mit der Aushandlung der Lösung beschäftigen und sich mit dem Prozess zugrunde richten oder, hier kommt die Lösung, es pragmatisch angehen. In meinem Fall bedeutet das, ich zeige hier ausgezeichnete Kürbisse von einem ausgezeichneten Künstler mit einem ausgezeichneten Youtube Channel. Das bedeutet aber auch, dass ich mich selbst nicht vor Allerheiligen anziehe und schminke, als sei ich aus einem Frühwerk Peter Jacksons entsprungen. Und es bedeutet, störenden Kindern zu verklickern, sie sollen bitte zu Sankt Martin noch einmal kommen, um Süssigkeiten abzugreifen (und darauf zu hoffen, dass nicht Allerheiligen für die Säuberung der Gegensprechanlage von Hühnereirückständen draufgeht).

Wenn ich in die Kürbisgesichter von Jon Neill schaue, sehe ich auf jeden Fall sehr viele Widersprüche, Spannungsfelder und vielleicht sogar den ganzen Weltschmerz! Welch wunderbare Bebilderung meines Beitrags. Danke an Jon. Und übrigens: Es versteht sich ja wohl von selbst, dass dieser Post nicht an Halloween erscheint.

Jon Neill Pumpkin Carving

© by Jon Neill

Jon Neill Pumpkin Carving

© by Jon Neill

Jon Neill Pumpkin Carving

© by Jon Neill

Wisst ihr, was Eure Lebensmittel veranstalten, wenn Ihr Euch nicht im selben Raum aufhaltet? Nichts? Wisst ihr nicht! Benoit Jammes ist der Frage nachgegangen und hat im Experiment herausgefunden, dass bei ihm zwischen Arbeitsplatte und Waschbecken gekickflippt wird, was das Zeug hält – und das alles, wenn er nicht aufpasst.
Vielleicht stimmt das aber auch alles nicht und die Lebensmittel von Benoit veranstalten die Skaterparty dauerhaft und für alle sichtbar, weil ihre gentechnisch manipulierte DNA sie dazu befähigt.
Oder Benoits Küche hängt irgendwo in der Sphäre und alle Gegenstände in ihr, die nicht fixiert sind, bewegen sich schwerelos in ihr, sodass Benoit nur noch Mini Skateboards an die Gegenstände tackern muss, um uns diese wunderbare Serie zu bescheren.
Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen oder ganz weit weg. Zur weiteren Untersuchung empfiehlt sich wie gehabt DER KLICK

 

Skitchen - Skateboarding in the Kitchen

© by Benoit Jammes

Skitchen - Skateboarding in the Kitchen

© by Benoit Jammes

Skitchen - Skateboarding in the Kitchen

© by Benoit Jammes

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