Mit gerade genug Verschnaufpause, um mich von meinem kathartischen Blogeintrag über gestricktes Fleisch zu erholen, präsentiere ich heute den nächsten gehäkelten Hammer: In erdigen Tönen gehaltene Gemüsevariationen.

Leider bin ich nicht Fachmann genug, um beurteilen zu können, ob Jung Jung mit Original Plauener Spitze konkurrieren kann. In meiner Top-10 der besten geklöppelten, gestickten, gestrickten, gehäkelten und getundelten Lebensmittel liegen die Werke von Jung Jung jedoch weit vorne.
Vorhang auf:

Schon als Kind konnte ich mich für die Idee des Schlaraffenlands begeistern. Leider scheiterten Versuche, sich das fiktive Land wahrzuträumen, in dem Honig die Flussbetten füllt und anstelle von Steinen Käsestücke die Wegränder säumen.

Seitdem habe ich mich nicht mehr mit der Idee eines Landes des Müßiggangs, der Entspannung und des kulinarischen Genusses auseinandergesetzt. Müßiggang und Entspannung gabs zwar in meiner Studentenbude ausreichend, der kulinarische Genuss hielt sich dort jedoch in Grenzen!
Die Zeiten, in denen wir unsere Vorstellungskraft für ein klares Bild des Schlaraffenlands bemühen müssen, sind mit Carl Warners foodscapes vorbei. Als Vorlage nutzt Carl bekannte Sehenswürdigkeiten, wie wir sie von Reisekatalogen kennen. Wie originalgetreu er die Motive mithilfe von Lebensmitteln nachbastelt verblüfft und lässt einen fragen, wie zum Teufel der Mann das in der räumlichen Tiefe hinbekommt. Die Anwort liegt hinter dem KLICK.

Wart Ihr zufrieden mit der Bewirtung bei Eurem letzen Konzertbesuch? Ein leckeres Großbrauerei-Bier aus dem Plastikbecher? Dazu eine Brezel oder eine Currywurst aus dem Hause Hoeneß? Bevor ich mich auf das Thema einschieße, gebe ich zu: die meisten Menschen interessieren sich zurecht eher für das Geschehen auf der Bühne. Bewirtungssstände sind höchstens Nebenschauplätze.

Etwas wichtiger ist die Versorgung mit Lebensmitteln für die Künstler. Deswegen schreiben die Rampensäue und Shoegazer dieser Welt vor ihren Touren die Wünsche für den Backstage Raum auf. Den teilweise zwischen Exzentrik und Lächerlichkeit oszillierenden Vorstellungen der Künstler gerecht zu werden ist dann die Aufgabe des Veranstalters.

Mithilfe der sogenannten Backstage Rider, also den Wunschzetteln der Künstler, machten sich der zum zweiten Mal auf de bello culinaro vertretene Henry Hargreaves und seine Kollaborateurin Caitlin Levin die Mühe, die Wünsche zu inszenieren. Das Ergebnis weiß in seiner entlarvenden Stilisierung zu verzücken, was dem interessanten Ansatz geschuldet ist. So schreiben die Macher selbst:

“To challenge ourselves, and to make something beautiful we decided to compose these images in the manner of Flemish still life, and the Vanitas of the 16th and 17th centuries. Also noting the correlation between these paintings which were meant to “remind one of the transience of life, the futility of pleasure, and the certainty of death,” and mortality of the musicians themselves.  ”

via Vice

Riders - Prince

© by Henry Hargreaves and Caitlin Levin, Typography Lorenzo Fanton

Riders - Britney Spears

© by Henry Hargreaves and Caitlin Levin, Typography Lorenzo Fanton

Riders - Axl Rose

© by Henry Hargreaves and Caitlin Levin, Typography Lorenzo Fanton

Ihr glaubt an eine einfache Antwort? Ich auch, bis ich eine Interpretation von Jing Zhang entdeckte. Irgendwo zwischen Lehrauftrag und Traumwelt stehen die Bilder mit dem Infografik-Geschmack. Auf Jing Zhangs Behance Profil gibt es eine in ähnlicher Manier gefertigte Erklärung, wie das Smartphone funktioniert, mit dem Ihr gerade de bello culinario besurft.
Traumata der eigene Kindheit zu dechiffrieren kann im wahrsten Sinne des Wortes ent-täuschend sein. Ob der Erkenntnisgewinn durch professionelle Aufarbeitung lohnt, muss jeder für sich selbst entscheiden. Eines steht jedoch fest: Kinderprobleme sehen durch die Erwachsenenbrille häufig wesentlich amüsanter aus, als sie für die Betroffenen im Augenblick sind.

Wenn es die Eltern in jungen Jahren nicht erlauben, dass man sein Lieblingsshirt den fünften Tag in Folge trägt und einem der Spaß versagt bleibt, mithilfe der Bratensauce die Wohnung neu zu gestalten, schlägt das natürlich auf die Laune. Später sind es andere Gründe, die den Stimmungspegel senken.

Mich nervte beispielsweise, immer selbstgestrickte Pullover tragen zu müssen, während die Klassenkameraden in coolen Knight Rider Sweatshirts den Schulhof unsicher machten. Später verordnete ich mir eine totes-Tier-freie Diät, innerhalb derer ich mich natürlich extrem über Gulasch, Schnitzel und Erbsensuppe mit Speck freute.

Viele Jahre später schienen all diese Sorgen weit weg, bis ich unlängst bei einem gedankenverlorenem Spaziergang durchs Internet über Stephanie Casper stolperte. Posttraumatische Angstzustände kulminierten bei dem Anblick von gestricktem Fleisch. Erst nachdem ich mich aus der Schockstarre befreien konnte, kam mir die Idee einer angemessenen Bewältigungsstrategie: Eine Behandlung auf diesem Blog:-)

Doch wie schön ist das Internet: hier kann meine Konfrontationstherapie zu Eurer Unterhaltung beitragen. In dem Sinne: Viel Spaß mit Stephanies gestricktem Fleisch!

 

Bei Dennis Wojtkiewicz Bildern musste ich an “2001 – Odyssee im Weltraum” denken. Vielleicht ist es das rötliche Rund der Blutorange, das mich an das Kameraauge von HAL 9000 erinnert. Eventuell sind es die grünlich-bläulich schimmernden, saftgefüllten kleinen Säckchen der Limette, die genauso orientierungslos im dunklen Raum stehen wie Kubricks Mondstation Clavius. Möglicherweise ist es die mystische Ausstrahlung, die etwas so profanes wie ein schwarzer Monolith oder eben eine halbe Orangenscheibe entwickeln kann.

Falls Ihr Stanley Kubricks Sci-Fi Klassiker noch nicht kennt, kann ich ein kleines Screening nur empfehlen. Das setzt jedoch voraus, dass Euch nicht-lineare Plots nicht abschrecken und Ihr über  Sitzfleisch verfügt. Als Belohnung lässt einen der Film beeindruckt, wenn auch leicht ratlos, zurück. Damit schließt sich der Kreis zu Dennis Wojtkiewicz Bildern.

 

Vor einer Weile erklärte mir ein Kollege, wie großartig das Zeitalter sein wird, in dem jeder Mensch in seinem Haushalt über einen 3D-Drucker verfügt. Ich gebe zu, mir fehlt noch ein wenig die Vorstellungskraft, inwiefern sich mein Leben durch die private Anschaffung eines 3D Druckers verändern soll.

Einerseits kann ich mir nicht vorstellen, dass die Technik es in den nächsten 5 Jahren erlaubt, mir meinen Ersatzschlüssel, eine neue Fahrradkette oder zerbrochenes Porzellan in vernünftiger Qualität nachzudrucken. Andererseits bin ich einfach zu wenig Produktdesigner und Künstler, als dass ich in den Invest gehe, um mir täglich 1-2 neue Lampen und ein paar Deko-Plastiken auszudrucken.

Einen interessanten, neuen Ansatzpunkt sehe ich bei Janne Kytannen. Sie druckt Essen aus. Das ist zumindest als Gedankenexperiment interessant, denn auch hier ist die Frage, wie nah die “Zukunft” des “Essen Ausdruckens” tatsächlich ist. An Fragenkomplexe, die sich um Ethik und Gesundheit drehen, denke ich noch gar nicht – dafür finde ich das Thema einfach zu weit weg.

Am Ende des Tages für mich (noch) ein lustiges Thema aus der Sci-Fi Ecke, das aber dank der tollen Interpretation von Janne Kytannen ein Gesicht bekommt.

(Soweit ich das aus meiner Korrespondenz mit den Rechteinhabern der Bilder herauslesen konnte, wurden die Bilder für die 3D Systems Corporation aufgenommen.)

3d printed Pasta

© by Janne Kytannen/Freedom of Creation/3D Systems Corporation

3d printed Pasta

© by Janne Kytannen/Freedom of Creation/3D Systems Corporation

 

 

 

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