Erster Eindruck:
Ein kläffender Brauhund, der auf dem Etikett sinnlos Worte aus dem geistig kulturellen Kontext leiht; eine Verpackung, die nach Kundenfang in der Zielgruppe “Alcopop” ausschaut; eine Beschreibung auf der Website, die nur von Besoffenen verfasst worden sein kann; dazu noch der Geruch von Dosenananas – nein, der erste Eindruck war nicht der Beste.
Das sagt der Geschmack:
Der Geruch von Dosenananas begegnet auch beim ersten Schluck erneut, aber dann passiert noch mehr. Genau genommen passiert dann Grapefruit, reifer Pfirsich und andere fruchtige Aromen, die man diesem nach Aufmerksamkeit geifernden Produkt gar nicht zugetraut hätte. Die deutliche Bitternote, die auch nach dem Abgang bleibt, setzt all der Fruchtigkeit einen sinnvollen Kontrastpunkt und zeigt, zumindest bei den 3 Buchstaben “IPA” hat man bei der Bedruckung des Etiketts keinen Fehler begangen. Unterm Strich ein spannendes Bier, dem aber auch der Zustand zugute kommt, dass die Erwartungen im Vorfeld nicht allzuhoch geschraubt wurden.
Wenn Du abschweifst…
…sitzt Du in der tropischen Oase und gießt in gleißendem Licht und bei fiebrigen Temperaturen auf die Wüste in Dir das fruchtige Nass. Dem Schluck folgt Zufriedenheit, Ansteigen des Alkoholgehalts im Blut und danach der bitter getünchte Wunsch nach Wiederholung des Ablaufs. “Repitere est mater scientia” lautet das Motto, weswegen Du fortfährst. Die Sonne erreicht den Zenith, der Alkoholanteil im Blut ebenso und die Zunge erinnert sich mit schwerem Herzen und bitteren Gefühlen an die einst vorbeiziehenden Obstsorten. Du bist jetzt bereit, die Pressetexte für den Brewdog zu schreiben.
Brewdog's Punk IPA
Schon bei Toy Story drehte sich die Handlung um Spielzeug, das den Aufstand probt. Insofern ist die Idee von Samsofy nicht ganz bahnbrechend. Ich denke aber, dass man bei der Sezession der Lego Figuren, die sich von ihrem noppenbestimmten Alltag trennen und sich in einer vielschichtigeren Welt bewegen, ein wenig Aufmerksamkeit spendieren muss.
Überlegt mal, wie das ist, wenn auf einmal nicht mehr 100% der Umgebung aus Kunststoff besteht, sondern nur noch etwa 10%. Absolut klar ist für mich, dass Lego Figuren auch Foodies sind und deswegen ergibt Samsofys Vision auch so viel Sinn. Wer würde nicht auf einem Keks paddeln, sich in das Innere eines Eis bewegen und wieder ausbrechen und sich einem ersten echten Knoblauch-Rausch hingeben?
Die Antwort lautet natürlich: jeder. Und deswegen sollte auch jeder auf der Stelle, ohne Umschweife und mit sofortiger Wirkung (in einem neuen Tab) auf der Künstlerseite weitere Lego-Echtwelt Bilder stalken.

 

Lego Food Art

© by Sofiane SAMLAL a.k.a. samsofy

Lego Food Art

© by Sofiane SAMLAL a.k.a. samsofy

Lego Food Art

© by Sofiane SAMLAL a.k.a. samsofy

Was tun, wenn die Rolex der Maxime des Unterstatements nicht gerecht wird, der Porsche geleast ist und die teuersten Klamotten die kleinsten Labels haben? Wenn sich die Suche nach adäquaten Statussymbolen schwierig gestaltet, benötigt man Alternativen. Nicht nur mir ist aufgefallen, dass immer häufiger Erfahrungen herhalten müssen, um sich von der Masse abzuheben.

Unter Erfahrungen verstehe ich in dem Kontext das Herausgreifen einzelner Ereignisse aus der schier unendlichen Menge an individuell erlebten Rohereignissen, um sie mit anderen zu teilen. Die Verbreitung von Bucket Lists à la “10 Dinge, die man unbedingt erlebt haben muss, bevor man stirbt”, suggerieren sogar, dass Erfahrungen Lebensinhalt produzieren.
Aber wie lässt es sich prahlen mit einem verpatzten ersten Date? Oder einer spannenden Aufsummierung von Alltagsbanalitäten? Schlecht lässt es sich damit prahlen. Wesentlich besser funktionieren vor allem Reisen und Essen. Kulturelle Aufgeschlossenheit bzw. Weltoffenheit, das nötige Kleingeld und vor allem der Anspruch ans eigene, eben vor Erfahrungen berstende Leben kommunizieren sich selten eleganter als unter dem Deckmantel einer Erzählung aus dem Urlaub bzw. vom Restaurantbesuch.
Wenn also alle Rolexe beim Nettwerk verkauft sind, der Leasingvertrag zugunsten einer Carsharing-Mitgliedschaft aufgelöst sind und die Designerkleidung abgetragen ist, gilt es richtige Entscheidungen zu treffen. Zum Glück kennt das Internet den Pfad, der Euch über diese Links zu den großartigen Bea Crespo und Andrea G. Portoles und ihrem Projekt Brunchcity führt.
© by Bea Crespo and Andrea G.Portoles

© by Bea Crespo and Andrea G.Portoles

© by Bea Crespo and Andrea G.Portoles

© by Bea Crespo and Andrea G.Portoles

© by Bea Crespo and Andrea G.Portoles

© by Bea Crespo and Andrea G.Portoles

Ich kann es nicht verhindern. Wenn ich durch einen Pennymarkt schlendere, fällt es mir schwer die Störgefühle zu unterdrücken. Es liegt nicht an der Pseudo-Hipster Edelästhetik des Billigheimers (das wäre allerdings auch ein Grund), sondern an einem Produkt, das dort verkauft wird. Es heißt Duff Beer und ist eine Echt-Welt-Variante des Duff Biers, das man sonst nur aus der Hand von Homer Simpson kennt.

In nerdigen Shops für Jäger von Popkulturdevotionalien hätte mich das Angebot weniger verwundert, vermutlich ein Lächeln abgerungen und vielleicht sogar einen Euro aus der Tasche abgeluchst. Aber bei Penny? Ich kann mir das nur so erklären, dass die Markenrechte mittlerweile so billig sind, dass sich irgendein Oettinger oder 5,0 Bierproduzent denkt “Cool, eine witzige Marke für ’n Appel und ’n Ei – das steigert meine Verkäufe um ein paar Prozent”. Das ganz große Thema sind die Simpsons ja eigentlich nicht mehr.

Den nachfolgenden fiktionalen Food-Produkten von Joshua Budich bin ich noch nicht im Penny Markt begegnet und ich vermute, dass sich daran bald auch nichts ändert. Anders als der flächendeckenden Duff-Verfügbarkeit stehe ich Joshuas Arbeiten auch positiver gegenüber. Sie bleiben brav im Mediensystem, wuchern nicht in mein Leben hinein und sind wie alles (außer meine eigenen Bilder), was ich hier so zeige, handwerklich tipp-topp. Wem das unten alles nichts sagt, greift bitte auf folgende Spoiler Links zurück.

Joshua Budich Fictional Food

© by Joshua Budich

Joshua Budich Fictional Food

© by Joshua Budich

Joshua Budich Fictional Food

© by Joshua Budich

Erster Eindruck:

Zwiegespalten. Ein wenig wohlig und privilegiert fühlt man sich mit der Flasche in der Hand, denn der Sud ist limitiert und der Zugang zu ihm erschwert. Die Shareholder der Brewdog Brauerei, dem Firmenlingo entsprechend “Equity Punks” genannt, erhalten exklusiven Zugriff auf das Bier. Wer sich also nicht per Crowdfunding beteiligt, ist (eigentlich) außen vor. Die künstliche Beschränkung ist zugleich etwas albern: Der Logik folgend wird ein Bier mit künstlichem Seltenheitswert zu einem Statussymbol. Wer damit im Stande ist zu protzen, sollte sich Gedanken über seine peer group machen:-)

Das sagt der Geschmack:

Grapefruit, Mango, Blutorange. Kein Wunder, was einem hier ins Gesicht springt, doppelt die Beigabe der Grapefruit und der Blutorange die doch ohnehin im Hopfen mit angelegten Aromen. Eine lebendige Säure, die im Vergleich zu bspw. einer Gose aber gebändigt, eher maßvoll dosiert ist, gibt dem fruchtigen Eindruck den finalen Schliff, ohne dabei zu vergessen, ein Bier zu sein. Das gleiche gilt für die Bittere: Präsent aber nicht obszön präsent. Leichfüßig, fast schon yogisch fliegend schwebt der Geschmack über den gar nicht mal so leichten 6,7% Alkohol. Der Elvis Juice ist somit ein großer Spaß für distinguierte Gaumen, ich kann ihn mir aber auch gut als “Lernbier” in der Hand eines “Craft Beer Anfängers” vorstellen, um das Aromenspiel zu verdeutlichen, was hopfenbetonte Biere veranstalten können.

Wenn Du abschweifst…

…bist Du clever und klaust die Idee. Kippst in Deinen Stout Sud Kaffee, in Dein Helles legst Du Heuballen und Dein Dunkles bekommt eine Lakritzkur. Aromen verstärken, denkst Du Dir, das ist der Weg. Beim Tasting dann das Erwachen: Störgeschmack und fast unangetastete Gläser säumen den Weg zum Abfluss. Deine Kopien sind so wenig Elvis Juice, wie Elvis Presley Imitatoren aus Castrop-Rauxel der echte Elvis. Dir wird langsam bewusst: Selten fällt ein King vom Himmel.

Brewdog Elvis Juice

Brewdog Elvis Juice

Wer von labyrinthischen Wegen durchs Brot spricht, meint wohl das Wirken und Auswirken der Hefe im Teig. Oder er hat einen an der Waffel. Oder schreibt einen Blog. Oder hat einen an der Waffel und schreibt einen Blog. Ok, Schluss damit.

Labyrinthische Wege durch das Brot bedeutet bei Martin Roller: Feines Schnittwerk in der Schnitte. Wäre ich 3 mm groß hätte ich einen Heidenspaß mit dem Brot, aber auch mit 185 cm finde ich das nicht unspannend. Das gilt auch für seine Kritik an unserem Umgang mit der Umwelt. Eine von der Sonne knalleorange gefärbte Apfelsine kann nur ein Sinnbild für die Erderwärmung sein. Die Abschürfungen der Schale ergeben die Umrisse der Kontinente, die prall gefüllten Weltmeere drohen den feinen weißen Pelz zum Zerbersten zu bringen. Ein wahrhaft aufrüttelndes Bild. Oder vielleicht auch einfach die die aus Langeweile und Talent geborene Idee mit der dicken Apfelsinenschale herumzuexperimentieren.

Ich komme nicht drumrum, bei Martin Rollers Arbeiten auf abwegige Gedanken zu kommen, aber auch in ihrer handwerklichen Finesse wissen die Werke zu fesseln. Auch auf Martins Website donnert es nur so vor Kreativgewittern. Ihr kennt das mit der Weiterklickempfehlung.

Orangenwelt

© by Martin Roller

Apfelburger

© by Martin Roller

Brotlabyrinth

© by Martin Roller

Erster Eindruck:
Der ethnologisch-archäologische Teil meines Herzens sorgt für eine Erhöhung der Schlagfrequenz. Die Talayots trieben als prähistorische Kultur auf den Balearen ihr Unwesen, indem sie uns bspw. Talayots, nämlich Beobachtungs- und Wachtürme hinterließen. Auf dem Etikett des Bieres erkennt man die hinkelsteinartigen Felsstücke, aus denen die Talayotiker Talayots mauerten. Meine Hoffnung beim Genuss des Bieres zielt auf das kennenlernen des Ur-Mallorquinen Bieres.

Das sagt der Geschmack:
Er sagt Bitterorange, Erde und Hefe. Das sind seine exakten Worte. Außerdem nehme ich Kastanie wahr, die mich gedanklich ein paar Kilometer auf dem Mittelmeer gen Osten schiebt, denn auf Korsika trank ich ein Kastanienbier, das in Punkto Komplexität mit dem hier getesteten leicht dreckig aber dennoch irgendwie schön aussehenden Amber Ale nicht konkurrieren kann. Der Fruchtigkeit wird Malzsüße entgegengesetzt und würde mich eine deutliche Überkarbonisierung nicht zum rumstehen lassen zwingen, gäbe ich diesem Ale eine dicken fetten grünen Haken.

Wenn Du abschweifst…
…rufst Du Doc an, ob der DeLorean noch in der Garage steht. Du planst eine Zeitreise, auf dem Beifahrersitz transportierst Du einen Sechserträger Talaiotika. Du kannst die Karre habe, jettest 2500 Jahre zurück, dafür aber an den gleichen Ort, wo Du eh jedes Jahr Urlaub machst: Malle. Jetzt hälst Du die Jungs ab, ihre Türmchen zu schichten, um mit Ihnen ein Drink zu nehmen. Du merkst, ihr spontanvergorener Trunk ähnelt tatsächlich dem Inhalt der Flaschen, die Du in dem Delikatessenladen in Palma ergattert hast. Du fragst Dich, ob das wohl reinheitsgebotskonform ist, auch wenn das Jahr 1516 noch 2000 Jahre in der Zukunft liegt.
Talaiotika Terrosa

Talaiotika Terrosa

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