Während Damien Hirst noch Unmengen an Formaldehyd benötigte, um Scheibchen eines Pferdes ins Museum zu befördern, genügen Sarah DeRemer ein paar Klicks in ihrer Photobearbeitungssoftware für ihre Kunst. Ähnlich wie Hirsts kontroverse Werke schafft Sarah Erkenntnis: Fleisch ist, frei nach Strunk, auch nur Gemüse, oder Obst, oder so, oder irgendwie jedenfalls.

Ich bezweifle zwar, dass Sarah wie Hirst Fantastillionen mit ihrer Kunst verdient, aber immerhin ist ihr ein gewisses Medienecho gelungen. Ich sage, bzw. schreibe nur “TIME Magazine”. Eigentlich auch nicht weiter verwunderlich, treffen die Abbildungen einen Nerv zwischen Vegan-Hype und Überästhetisierung und gleichzeitiger Banalisierung von Fleischkonsum.

Was uns ein in Scheiben geschnittener Kiwi, dessen Inneres aus der Frucht Kiwi aber sagen möchte bleibt erstmal im Vagen. Aber wie gehabt ist de bello culinario hier nur Euer Türöffner. Die Erkenntnis kommt beim Durchschreiten.

 

Sarah DeRemer macht "Animal Food"

© by Sarah DeRemer

Sarah DeRemer macht "Animal Food"

© by Sarah DeRemer

Sarah DeRemer macht "Animal Food"

© by Sarah DeRemer

Erster Eindruck:

Skepsis. Hier hat sich offensichtlich jemand Gedanken um einen knackigen Namen, eine schöne Flasche mit gekonnt gestaltetem Etikett und eine geschickte Platzierung in Bio-Einkaufsstätten gemacht. Grundsätzlich ist natürlich eher etwas dagegen einzuwenden, wenn man überhastet ein halbgares Produkt auf den Markt wirft. Die Frage, die jedoch im Falle des Doldensuds unter den Nägeln brennt: Wurde bei all dem Marketing-Chi Chi das wichtigste, nämlich der Flascheninhalt, aus den Augen verloren?

Das sagt der Geschmack:

Nein. “Nein” nicht im Sinne einer Verneinung eines Geschmacks, sondern “Nein” im Sinne einer Antwort auf die Frage des letzten Absatzes. Denn was einem hier schon beim Geruch an Zitrus, Hibiskus, saftig-reifen Mangos, Litschis und leichter Säure entgegenschlägt, würde selbst bei einem Obstsalat Verzückung auslösen. Dass ein Bier das kann, begeistert dann vollends. Der Fruchtigkeit im Duft mischt sich beim Trinken eine deutliche Bitternote bei. Der Malzgeschmack tritt dabei in den Hintergrund.

Wenn Du abschweifst…

…sitzt Du tatsächlich auf dem Elefanten, reitest durch das ferne Indien und trinkst Dein mühsam ins Land verschaffte Pale Ale. Du fällst fast vom Sattel, als Dir bewusst wird, dass Du die obligatorische Verdünnung des Bräus versäumt hast und dann fällst Du fast vom Sattel als die Konsequenzen beginnen sich auszuwirken. Trotzdem gefällt Dir das Erlebte. Dein Weigern, das gute Pale Ale zu verdünnen, führt zu der Etablierung einer neuen Biersorte, die auch viele Jahre später in Deiner Heimat einen festen Platz im Spezialitätenregal einnimmt.
Riedenburgers Doldensud

Wer mir nach meinen allmonatlichen, zum bisherigen Bloginhalt in geringem Maße in Verbindung stehenden Bier(un)gunstbekundungen einfach mal eine Torte ins Gesicht werfen möchte, kann sich zurückhalten. Denn de bello culinario übernimmt das selbst. Und da mir die ausgefeilte Motorik fehlt, das umzusetzen entscheide ich mich für die Werke von James Ostrer.

Er schmiert, tupft und steckt den kulinarischen Inhalt dieses Blogs in verschiedenste Gesichter und auf das, was ihm die tapferen menschernen Leinwände sonst noch so zur Verfügung stellen. Das Ergebnis ist grotesk bis gut gemacht aber dafür nicht so grotesk wie die gut gedachte Vorstellung, sich für einen Blogeintrag selbst eine Torte über die Mimik zu fahren.

Aufgrund des Sittlichkeitskodex von de bello culinario kann ich hier natürlich nur die jugendfreieren Varianten zeigen. Tapfere Erwachsene dürfen jedoch klicken.

WOTSIT ALL ABOUT

© by James Ostrer

WOTSIT ALL ABOUT

© by James Ostrer

WOTSIT ALL ABOUT

© by James Ostrer

Erster Eindruck:
“Ich finde es ja nicht gut, wenn die da so künstliche Sachen reinmachen, damit das auch Leuten schmeckt, die Bier normalerweise nicht mögen” – wait, what?

Das sagt der Geschmack:
Gaffels Sonnenhopfen ist ein Beweis für das Gelingen von Craft-Beer, für das sich etabierte Brauereien verantwortlich zeigen. In der Tat schmeckt das Bier, als seien nicht nur Hopfen, Malz, Hefe und Wasser Bestandteile der Rezeptur, sondern auch Früchte. Am deutlichen ist Zitrone und Holunder herauszuschmecken, doch auch weitere Zitrusnoten und beerige Nuancen erkennt der hingebungsvolle Verkoster. Mit Ausnahme der obergärigen Hefe ähnelt der Sonnenhopfen dem Kölsch, für das Gaffel in erster Linie bekannt ist, wenig.

Wenn Du abschweifst…
Lässt Du in der Arena Dein geliebtes Weizen in der Sommersonne gegen Gaffels Sonnenhopfen antreten. Auf der einen Seite der Held, der alles abgeräumt hat, der Publikumsliebling. In der anderen Ecke der Underdog, der Herausforderer, der David, bereit, alles zu tun, was es erfordert, um den Titel zu holen. Es ist der Kampf von zwei obergärigen Schwergewichten, der eine mehr Banane, der andere mehr Holunder. Am Ende kann es nur einen geben. Fortsetzung folgt.
Gaffels Sommerhopfen

Erster Eindruck:
Das geht zu weit! Ich bin kein intoleranter Verfechter des Reinheitsgebots, aber wenn Limonade Bier spielt, spiele ich den Sittenwächter.

Das sagt der Geschmack:

Schon das Bouquet liefert starken Grapefruit Ingwer Duft in einer Dominanz, dass man eine Vermisstenanzeige für Hopfen und Malz aufgeben möchte. Was mir gefällt: die Ingwerschärfe kitzelt belebend den Rachen. Leider unterscheidet es sich geschmacklich kaum von der Brause Ginger Ale und ist deswegen trotz leicht vernehmbarer Apfelnote vor allem eines: zu süß.

Wenn Du abschweifst…
…..tanzt Du in die Nacht bevor die Prohibition eingeführt wird und du schlürfst das letzte Ginger Ale, was auch ein Ale, also ein Bier ist. Du trinkst genüsslich und hast keinen blassen Schimmer davon, dass Dein Lieblings Alcopop in den nächsten Jahrzehnten eine alkoholfreie Karriere hinlegen wird, die nur von Cola übertroffen wird.

Crabbie's Original Ginger Beer

Wer sich nicht für eine “echte” Reise entscheiden kann, möchte oder darf, hat immer noch die Möglichkeit einer kulinarischen Entdeckungsreise. Die kann so aussehen, dass man sich bei McDonalds reinsetzt, um echte amerikanische Küche kennenzulernen. Oder man liest Blogs, so wie diesen, auf dem (mehr oder weniger) regelmäßig kulinarische Reiseberichte erscheinen. Oder noch besser: Man schaut sich an, was die Welt der Food Art zu bieten hat. Einiges hat sie zu bieten, so viel weiß ich von Anna Keville Joyce und Agustin Nieto.

Anna bastelt “Ess-Teller” zu osteuropäischen Metropolen, die ich recht pfiffig finde. Leider existieren bislang nur wenige Städte-Teller, weswegen ich von einer Erweiterung der Serie träume. Vielleicht lege ich selbst nach und liefere einen Köln Teller ab, auf dem der Dom aus halvem Hahn, Himmel un Ääd und Äzezupp gefrickelt wird. Um die Wartezeit darauf zu verkürzen, hier die Varianten von jemandem, der das wirklich kann:
Bucharest in food

© by Anna Keville Joyce & Agustín Nieto

Warsaw in food

© by Anna Keville Joyce & Agustín Nieto

Prague in food

© by Anna Keville Joyce & Agustín Nieto

 

 

Erster Eindruck:
Verschiedenste Gründe sorgen dafür, dass ich über ein Bier schreibe. Mal ist es eine Empfehlung, mal eine ausgefallene Herkunft, mal eine Besprechung, die ich interessant fand. Ganz anders verhält es sich bei der Karpfen-Weisse. Hier veranlasste mich ausschließlich der ausgefallene Name zur Rezension. Angesichts des skurrilen Ergebnisses der Namensfindung lässt sich der erste Eindruck nur mit einem Wort beschreiben: “Verblüffen.

Das sagt der Geschmack:
Die typische bananige Fruchtigkeit fehlt diesem Weizen nicht. Dennoch hebt es sich durch süffig-saftige Schmatzigkeit von dem typischen Großbrauerei-Einheitsbrei ab. Die geschmacklichen Nuancen wirken komplexer, jedoch optimal balanciert und harmonieren weich. Starker Hefegeschmack, vor allem im Abgang, unterstreicht nochmals, was man sich sowieso schon dachte: Der herbe Rahm ist vielmehr eigener Gang als unauffälliger Komparse.

Wenn Du abschweifst…
…bist Du als Kind in den Braukessel mit der Karpfen-Weisse gefallen und deswegen mit Kraft ausgestattet, problemlos die Qualität eines guten Weizens bemessen zu können. Du musst mit dieser Kraft jedoch vorsichtig taktieren – kommt Dein frühkindliches Erlebnis heraus, kann es sein, dass Dir für immer der Zugang zur Karpfen-Weisse untersagt wird. Trotz der frühen Impfung ist Dir nicht klarer als allen anderen Fans der Karpfen Weisse, wie dieses außergewöhnliche Bier zu seinem Namen kam.

Karpfen Weisse

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